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Der Blick über den Tellerrand

6. August 2015
von Janet Binder

Hinter Bildungsurlaub verbirgt sich mehr Urlaub als Bildung – so lautet ein weitverbreitetes Vorurteil. Und das könne ja heißen, sich vor der Arbeit drücken zu wollen. Auch darum nutzen die wenigsten Beschäftigten ihr Recht, sich weiterzubilden. Dabei zeigt eine neue Studie, wie wichtig Bildungsurlaub ist – nicht nur für Schichtarbeiter.



Wolfgang Morning hat 28 Jahre im Wechselschichtdienst im Kaltwalzwerk von ArcelorMittal gearbeitet. Einen Abendkurs an der Volkshochschule hat er nie  besucht. ›Als Schichtarbeiter ist das ein Problem‹, sagt der 56-Jährige. Stattdessen hat er von der IG Metall bundesweit angebotene Bildungsurlaube besucht. Das macht er auch heute noch, obwohl er schon länger aus gesundheitlichen Gründen aus dem Schichtdienst ausgeschieden ist. Nicht nur die angebotenen Themen wie ›Kommunikation am Arbeitsplatz‹ oder ›Wirtschaft, in der wir leben‹ findet er interessant. Sich mit Kollegen aus Betrieben aus ganz Deutschland austauschen zu können, ist für ihn eine große Bereicherung. ›Man guckt über den Tellerrand‹, sagt er.

Wolfgang Morning gehört einer Minderheit an. Nur rund drei Prozent der Beschäftigten in Bremen nehmen überhaupt Bildungsurlaub. Dabei ist dieser gesetzlich verankert. Jede Arbeitnehmerin und jeder Arbeitnehmer, die oder der fünf Tage pro Woche arbeitet, hat innerhalb von zwei Jahren Anspruch auf einen Bildungsurlaub von zehn Arbeitstagen. Für Teilzeitbeschäftigte reduziert sich der Anspruch entsprechend. Früher musste ein Bildungsurlaub mindestens fünf Tage dauern, seit 2010 können auch ein- oder zweitägige Seminare besucht werden. ›Damit soll vor allem Beschäftigten kleinerer Betriebe Weiterbildung ermöglicht werden, die nicht mehrere Tage am Stück an ihrem Arbeitsplatz fehlen können‹, sagt die Referentin für Bildungspolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen, Susanne Hermeling. In einer von der Arbeitnehmerkammer Bremen und der Bremer Bildungssenatorin in Auftrag gegebenen Studie der Universitäten Bremen und Hannover wird deutlich, dass Bildungsurlaubsteilnehmer selten aus Kleinstbetrieben kommen. Für die Studie wurden 560 Bildungsurlaubsteilnehmer befragt. In den nächsten Jahren sollte deshalb für Kurzformate verstärkt geworben werden, so Hermeling.

Veraltete Unterrichtsformen aufbrechen
Viele Vorgesetzte und Arbeitgeber, aber auch Beschäftigte hätten falsche Vorstellungen vom Bildungsurlaub, sagt die Referentin. Eine Betriebsrätebefragung der Arbeitnehmerkammer machte deutlich, dass in vielen Betrieben und Abteilungen Bildungsurlaube verpönt sind. ›Wenn man ihn nimmt, wird das als mangelnde  Leistungsbereitschaft ausgelegt‹, sagt die Referentin. Es komme auch vor, dass Vorgesetzte kontrollierten, für welchen Kurs sich die Beschäftigten entschieden haben. ›Es ist aber ganz wichtig, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer selbst entscheiden können, was sie wählen. Dann sind sie motiviert, sie können ihre eigenen Bildungsbedarfe am besten einschätzen.‹

In den Köpfen habe sich ein Klischee über den Bildungsurlaub festgesetzt, das nicht den Tatsachen entspreche. ›Viele Leute denken an Wattwandern oder an Töpfern in der Toskana‹, sagt Susanne Hermeling. Doch eine Analyse der Programme zeigt ein vollkommen anderes Bild. Schließlich seien die Auflagen hoch, um ein Seminar als  Bildungsurlaub anerkennen zu lassen. Das könne allerdings auch von Nachteil sein. Denn im Bildungsurlaub sei es besonders wichtig, veraltete Unterrichtsformen  aufzubrechen. ›Gerade wenn man Menschen ansprechen will, die schlechte Erfahrungen in der Schule gemacht haben, sind fünf Tage in einem Unterrichtsraum wenig  sinnvoll‹, so Hermeling. Bremische Geschichte zum Beispiel werde durch Exkursionen erst lebendig. Und eine Sprache erlerne sich leichter im Land, in dem sie auch  gesprochen wird. Viele Unternehmer wüssten das längst. ›Viele Führungskräftetrainings finden in anregenden Umgebungen statt‹, betont Hermeling.

In den Bildungsurlauben beschäftigen sich die Teilnehmer am häufigsten mit beruflichen und allgemeinbildenden Themen – sei es Stressbewältigung, Kommunikation  oder Gesundheitsförderung. Oftmals seien es Bereiche, die in der betrieblichen Weiterbildung zu kurz kämen. ›Auch ein politisches oder allgemeinbildendes Thema kann  für berufliche Zusammenhänge wichtig sein‹, betont Susanne Hermeling. Zudem würden häufig sogenannte Schlüsselkompetenzen – also Fähigkeiten zum Lösen von  Problemen – vermittelt. ›Der doppelte Nutzen für persönliche und arbeitsplatzbezogene Lebensbereiche prägt das Format Bildungsurlaub‹, sagt Ingo Schierenbeck,  Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. Dass Themengebiete wie Gesprächsführung oder Konfliktmanagement trotzdem kritisch von Arbeitgebern beäugt werden, kann Hermeling nicht nachvollziehen. Die sogenannten Soft Skills (soziale Kompetenzen) spielten schließlich eine immer größere Rolle im Berufsleben.

Beschäftigte wollen nicht negativ auffallen
In der Studie der Unis Bremen und Hannover zeigt sich auch, dass vor allem Beschäftigte aus Unternehmen mit einem Betriebsrat Bildungsurlaube machen. Viele  Schichtarbeiter aus der Industrie nehmen das Angebot wahr. Die Betriebsräte ermutigen sie dazu. Denn für die Wechselschichtarbeiter – wie früher bei Wolfgang Morning – sei die Freistellung meist die einzige Möglichkeit der Weiterbildung, so Hermeling. Dies gelte auch für viele Beschäftigte im Dienstleistungsbereich. In der  Pflege etwa wäre es für die Beschäftigten wichtig, Bildungsurlaub zu nehmen. ›Um mal rauszukommen und reflektieren zu können.‹ Doch gerade wegen der  Arbeitsverdichtung und des Personalmangels in der Branche nutzten nur wenige ihr Recht – um nicht als unkollegial dazustehen und dem Arbeitgeber vermeintlich negativ aufzufallen. 

Die Erfahrung hat auch Wolfgang Morning gemacht, der Vertrauensmann der IG Metall ist und immer bei seinen Kollegen dafür wirbt, Bildungsurlaub zu nehmen. Dass  diese es trotzdem nicht machen, kann er sich nur so erklären: ›Vielleicht haben sie Angst, dass man denkt, sie drücken sich vor der Arbeit.‹ Er selbst habe noch nie  Probleme bekommen, wenn er seinen Bildungsurlaub eingereicht hat. ›Mein Arbeitgeber unterstützt das.‹


Wolfgang Morning, Vertrauensmann der IG Metall bei ArcelorMittal

Auch Hella Bellwinkel nimmt regelmäßig Bildungsurlaub – obwohl ihre Abteilung personell unterbesetzt ist. ›Außerhalb der Haupturlaubszeit geht das.‹ Die 60-Jährige arbeitet als Medizinisch-technische Assistentin (MTA) in der Pathologie des Klinikums Bremen-Mitte. In 40 Jahren Berufstätigkeit hat sie an die 30-mal Bildungsurlaub  genommen. Sie hat Kurse zu Zivilcourage, berühmten politischen Frauen, alternativen Wohnprojekten oder Natur und Stadt gemacht. So sei sie an Wissen gekommen,  das sie sonst im kräftezehrenden Alltag mit Vollzeitjob und Kind nicht bekommen hätte. ›Es bereichert das Leben‹, betont Hella Bellwinkel. Sie bedauert es deshalb, dass  weniger als die Hälfte der Beschäftigten in ihrem Team regelmäßig Bildungsurlaub nehmen. ›Vor allem die jungen Kolleginnen mit Kind haben leider wenig Interesse daran.‹

Dass es durchaus möglich ist, auch in kleinen Betrieben den Bildungsurlaub zu etablieren, zeigt das Beispiel eines öffentlichen Dienstleisters mit 50 Mitarbeitern, von dem  Susanne Hermeling berichtet: ›Die Betriebsratsvorsitzende sagte mir: Gerade wegen der Arbeitsverdichtung nehme ich mir das Recht auf Freistellung – und sie hat  das durchgesetzt.‹ Die Betriebsrätin war der Eisbrecher für den gesamten Betrieb. ›Jetzt nehmen alle regelmäßig Bildungsurlaub.‹


Weitere Informationen:
 

Weitere Informationen zum Bildungsurlaub finden Sie in unserem Faltblatt ›Bildungsurlaub‹. Mitglieder erhalten es auch in unseren Geschäftsstellen.


Infos auch unter:
www.bildungsurlaub.de/bildungsurlaub_bremen.html

Bildungsurlaube bietet in Bremen auch die Wirtschafts- und Sozialakademie der Arbeitnehmerkammer Bremen (wisoak) an.