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Armutsrisiko Erwerbsminderung: Viele Beschäftigte im Land Bremen müssen vor dem gesetzlichen Rentenalter aus dem Erwerbsleben ausscheiden

Rund 1.500 Menschen sind im Land Bremen im Durchschnitt in den vergangenen drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausgeschieden. Das bedeutet, dass fast jeder fünfte Rentenzugang in den vergangenen Jahren auf eine Erwerbsminderung zurückzuführen war. Das Ein Problem: Das Armutsrisiko dieser Menschen ist deutlich gestiegen. Von 2000 bis 2011 sind in Bremen die Erwerbsminderungsrenten der Männer von 771 auf 547 Euro gesunken, bei den Frauen von 590 auf 494 Euro. Sie liegen damit deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Damit verliert die Erwerbsminderungsrente zunehmend ihre Funktion, den durch Krankheit wegfallenden Lohn auszugleichen.

Hintergrund für diese Entwicklung sind unter anderem die Leistungskürzungen bei der Rente:

  • Erwerbsminderungsrenten vor dem 63. Lebensjahr werden mit Abschlägen um bis zu 10,8 Prozent gekürzt. Das trifft inzwischen mehr als 95 Prozent aller neu bewilligten Erwerbsminderungsrenten.
  • Die Abschaffung des Berufsschutzes und die Kürzung des Rentenniveaus verschärfen die Lage zusätzlich.
  • Infolge der Ausweitung des Niedriglohnsektors, einem hohen Anteil von Minijobbern sowie durch Erwerbsunterbrechungen kann eine zunehmende Zahl von Beschäftigten nur unzureichende Rentenanwartschaften aufbauen. 
In Bremen sind die Folgen der Veränderungen deutlich sichtbar: Die Höhe des durchschnittlichen Zahlbetrags für Erwerbsgeminderte lag vor der Reform durch die Bundesregierung (2001) noch durchschnittlich bei 656 Euro pro Monat – seitdem sinkt er im Land Bremen kontinuierlich auf durchschnittliche 521 Euro pro Monat im Jahr 2011. Die Rente wegen Erwerbsminderung liegt um 75 Euro unter dem Bundesdurchschnitt und unterhalb des Grundsicherungsniveaus in Höhe von 707 Euro (2011).

Risiko hoch für Menschen in schlechten Arbeitsbedingungen


Das Risiko einer Erwerbsminderung ist besonders für Beschäftigte mit schlechten Arbeitsbedingungen hoch. Das zeigt die Studie "Risiken für eine Erwerbsminderungsrente", die das Zentrum für Sozialpolitik im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen erstellt hat. Für diese Studie wurden erstmals die Erwerbsminderungsrisiken für das Land Bremen auf Basis von Zahlen der Deutschen Rentenversicherung ausgewertet. Untersucht wurde für den Zeitraum zwischen 2004 bis einschließlich 2008 wie sich die Erwerbsminderung im Land Bremen in Bezug auf verschiedene Einflussfaktoren im Vergleich mit Beschäftigten der alten und neuen Bundesländern darstellt.

 

Bei den Beschäftigten, die krankheitsbedingt vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden mussten und erstmals einen Antrag auf Erwerbsminderung bewilligt bekamen, waren alle Berufe und alle Qualifikationsniveaus vertreten. Doch besondere Risiken bestehen für Beschäftigte mit geringen beruflichen Qualifikationen, insbesondere, wenn ihre Tätigkeit durch körperlich schwere und psychisch belastende Arbeitsbedingungen geprägt ist. Hier dominieren psychische Erkrankungen und Muskel-Skelett-Erkrankungen.

Armutsrisiko reduzieren: Es besteht dringender Handlungsbedarf!

Um das Armutsrisiko bei Erwerbsminderung zu reduzieren, sind nach Auffassung der Arbeitnehmerkammer zusätzliche Maßnahmen in der gesetzlichen Rentenversicherung erforderlich:

  • Dem Grundsatz der Rehabilitation vor Rente muss wieder voll Rechnung getragen werden. Dazu ist es erforderlich, die gesetzliche Begrenzung der Ausgaben für Reha-Maßnahmen ("Reha-Deckel") aufzuheben.
  • Die Abschläge müssen abgeschafft und die Zurechnungszeit verlängert werden. Die letzten vier Jahre vor Eintritt der Erwerbsminderung sind nur dann bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen, wenn sie sich auf die Höhe des Rentenzahlbetrags positiv auswirken.
  • Bremen sollte sich auf Bundesebene, beispielsweise im Rahmen einer Bundesratsinitiative, für entsprechende Verbesserungen bei der Rentengesetzgebung einsetzen.
  • Mehr und effektivere Maßnahmen zur Prävention und durch Arbeitsschutz sind notwendig, um die Risiken von Erwerbsminderung zu reduzieren.

 

Foto: © toscana – Fotolia.com


Weitere Informationen:
 

Erwerbsminderungsrente in Bremen (pdf)
Berufsgruppen im Spiegel von Arbeitsbelastung und Arbeitslosigkeit
Oktober 2015

Risiken für eine Erwerbsminderungsrente - Bremen im Ländervergleich (pdf)
Autorin/Autoren: Rolf Müller, Zentrum für Sozialpolitik, Abteilung Gesundheitsökonomie, Gesundheitspolitik und Versorgungsforschung, Universität Bremen. Christine Hagen, Deutsches Zentrum für Altersfragen, Berlin. Ralf K. Himmelreicher, Institut für Soziologie, Technische Universität Dortmund. Hrsg. v. Arbeitnehmerkammer Bremen, Mai 2013.

„Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit.“ (pdf)
In: Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 2013, Autorinnen: Carola Bury und Barbara Reuhl

Erwerbsminderung: Gesetzliches Rentenalter ist für viele Beschäftigte nicht erreichbar

Pressemitteilung vom 25.06.13