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Die demografische "Belastung"

15. Februar 2011
von Dr. Johannes Steffen (Referent für Sozialpolitik)


Die Alterung der Bevölkerung bildet eine enorme Herausforderung für die gesamte Gesellschaft, keine Frage. Wie groß aber ist die demografische ›Belastung‹ tatsächlich? Erzwingt sie womöglich den Abschied von solidarischen Sicherungssystemen, wie manche flugs behaupten? Anhand unserer Berechnungen wird deutlich: Es ist nicht immer drin, was drauf- oder drübersteht.

Nach der zwölften koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes lautet eines der möglichen Szenarien wie folgt: Die Gesamtbevölkerung Deutschlands schrumpft von 82 Millionen Menschen im Jahre 2008 auf 64,65 Millionen im Jahre 2060. Und dieser Bevölkerungsrückgang geht einher mit einer Verschiebung der Altersgruppen: So soll den Statistikern zufolge die Zahl der jungen Menschen unter 20 Jahren von 15,62 Millionen auf nur noch 10,09 Millionen sinken - also ein Rückgang um gut ein Drittel. Die Zahl der Älteren ab 65 Jahren dagegen steigt von 16,73 Millionen auf 21,98 Millionen Menschen. Weitere Veränderungen sagen die Statistiker für die dritte Gruppe voraus, die Erwerbsfähigen von 20 bis unter 65 Jahren. Deren Zahl soll ebenfalls sinken und zwar von 49,66 Millionen Menschen auf magere 32,59 Millionen.

Nach diesen Berechnungen steigt der sogenannte ›Altenquotient‹ - also das zahlenmäßige Verhältnis der Älteren zu den Menschen im Alter von 20 bis unter 65 Jahre - von 34 im Jahre 2008 auf 67 im Jahre 2060. Das heißt, während heute auf 100 Menschen im erwerbsfähigen Alter 34 Menschen im Alter von 65 Jahren und mehr entfallen, verschlechtert sich diese Relation bis zum Jahre 2060 auf 100 zu 67. Das entspricht einer Steigerung des ›Altenquotienten‹ um rund 100 Prozent.

Aber Vorsicht: In der öffentlichen Debatte um die Finanzierbarkeit vor allem der Renten - aber auch der Sicherung im Krankheits- oder Pflegefall - wird der steigende ›Altenquotient‹ als etwas beschrieben, das für die mittlere Altersgruppe ökonomisch unzumutbar sei. Unter Verweis auf die zunehmende Alterung wurden und werden die solidarischen Sicherungssysteme demontiert, werden die Individualisierung sozialer Risiken und die Privatisierung ihrer Kosten politisch vorangetrieben. Doch die Dramatisierer der demografischen ›Belastung‹ spielen mit gezinkten Karten und verfolgen dabei wenig honorige Ziele. 

Zum einen nämlich müssen von den Erwerbsfähigen nicht nur die Älteren, sondern auch die Jüngeren ökonomisch geschultert werden. Berücksichtigt man also bei der ›Belastungs‹-Rechnung, dass der ›Jugendquotient‹ konstant bleibt, so steigt der ›Gesamtquotient‹ bis zum Jahre 2060 um nur noch 51 Prozent von heute 65 auf dann 98. Das heißt, in der Summe sind die Veränderungen bei den Jungen (unter 25 Jahren) und den Alten (ab 65 Jahren) weniger dramatisch als beschrieben - der ursprüngliche ›Belastungs‹-Anstieg von 100 Prozent halbiert sich sogar.

Zum anderen muss die mittlere Altersgruppe nicht nur die Jüngeren und die Älteren mitfinanzieren, sondern selbstverständlich auch sich selbst. Rein wirtschaftlich hat sie die Reproduktion der gesamten Bevölkerung sicherzustellen und so wirkt sich der Rückgang der Erwerbstätigen eben auch positiv aus. Der ›Gesamtquotient‹ steigt unter diesem Aspekt von 165 auf 198 oder um nur noch 20 Prozent. Der ›Belastungs‹-Anstieg schrumpft nochmals um mehr als die Hälfte.

Schließlich sind nicht alle Menschen im erwerbsfähigen Alter auch tatsächlich erwerbstätig. Nimmt man vereinfachend und vorsichtig an, dass der Anteil der Erwerbspersonen, also der Erwerbstätigen plus der Arbeitslosen, an allen Menschen im mittleren Alter bis 2060 nicht steigt und dass die Arbeitslosigkeit auf rund drei Prozent sinkt, so ergibt dies eine nochmalige Halbierung beim Anstieg des ›Gesamtquotienten‹, also des zahlenmäßigen Verhältnisses der Gesamtbevölkerung zu den Erwerbstätigen.

Der vermeintlich untragbare ›Belastungsanstieg‹ reduziert sich von anfänglich 100 Prozent auf am Ende gerade noch 11 Prozent. Selbst ein verhaltener Zuwachs der Arbeitsproduktivität von im Durchschnitt 1,3 Prozent jährlich würde die Leistung jedes Erwerbstätigen bis 2060 um fast 100 Prozent steigern. Davon könnten alle Generationen gleichermaßen profitieren, sofern die Verteilung ›stimmt‹.

Dies macht deutlich: Der demografische Wandel hat große Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, unser Arbeitsleben und sicherlich auch auf unser Zusammenleben. Die solidarischen Sicherungssysteme und deren Leistungsfähigkeit müssen dafür aber keineswegs geopfert werden - im Gegenteil: Nur mit einem starken Sozialstaat lassen sich die demografiebedingten ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen ohne Ausgrenzung bewältigen, nur mit einem starken Sozialstaat ist der demografische Wandel auch sozial beherrschbar.