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Der Onlinehandel vermeldet jedes Jahr neue Umsatzrekorde. Doch auch die Ansprüche der Kunden steigen. Die Folge: Der Druck in der Branche wächst – mit Folgen für die Arbeitsbedingungen.

Text: Janet Binder

Petra S. ist nur einen Mausklick von ihrem Wunsch-Standmixer für den perfekten Smoothie entfernt. Es ist Montagabend; die 43-Jährige sitzt vor ihrem Laptop, liest im  Internet Testberichte und vergleicht Preise. Als berufstätige Mutter von zwei kleinen Kindern hat sie keine Lust und Zeit, einen Elektronikmarkt zu besuchen. Sie kauft  lieber bequem von zu Hause aus ein, wenn die Kinder im Bett sind.

Der passende Mixer ist bald gefunden; der Klick auf den Knopf „jetzt kaufen“ ist schnell gemacht. Die Lieferung ist kostenlos, schon übermorgen soll das Paket da sein.  Von den mitunter haarsträubenden Arbeitsbedingungen und niedrigen Bezahlungen in der Branche hat sie schon gehört. Gedanken darüber gemacht hat sie sich aber  nicht wirklich.

Onlinehandel erzielt jedes Jahr neue Umsatzrekorde
So wie Petra S. bestellen immer mehr Menschen immer mehr Ware im Internet. 2,9 Milliarden Sendungen wurden nach Angaben des Bundesverbandes Paket und  Expresslogistik 2015 bundesweit verschickt. Das waren 5,9 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Entwicklung  macht sich auch beim Umsatz der Onlinehändler bemerkbar. Laut Handelsverband Deutschland stieg der Umsatz durch E-Commerce bundesweit von 15,7 Milliarden im Jahr 2006 auf prognostizierte 44 Milliarden Euro im Jahr 2016.

An dem Paket von Petra S. wollen viele verdienen: der Hersteller, Transportunternehmen, das Sortierzentrum, die Paketzusteller und deren Subunternehmer sowie der  Onlinehändler, in diesem Fall Marktführer Amazon. Und das bei kostenloser Lieferung? „Das geht nur, wenn man billige und hochflexible Arbeitskräfte hat“, betont Marion  Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen.

In der Branche arbeiten die Beschäftigten zum Teil auf Abruf, im Schichtdienst und an den Wochenenden – zu Löhnen, die mitunter nur minimal über dem Mindestlohn  liegen. Das gilt sowohl für die einfachen Lagerarbeiter in der Sortierung als auch für die Fahrer der Subunternehmer, die für Paketzusteller wie DPD, GLS oder Hermes  die Arbeit erledigen. Bei den Paketzustellern leisten sich nur DHL und UPS nach Angaben von ver.di-Gewerkschaftssekretär Wolfgang Evers überhaupt eigene  Beschäftigte. In der Lagerhaltung ist wiederum der Anteil der Leiharbeiter so hoch wie in keinem anderen Logistik-Bereich. In Bremen und Bremerhaven arbeiten über  4.000 Leiharbeiter im Lager. Dagegen stehen 20.000 regulär Beschäftigte.

Allen Unternehmen gemein ist der Druck, der auf ihnen lastet – und den sie an die Belegschaft weitergeben. Denn die Konkurrenz ist groß. „Je schneller das Paket da ist, desto attraktiver ist das Onlineshoppen für den Kunden“, sagt Marion Salot. Kaum jemand möchte eine Woche auf seine Bestellung warten. Die zuverlässige und schnelle Lieferung ist deshalb ein wichtiges Wettbewerbskriterium für die Händler. Amazon bietet inzwischen sogar in vielen Großstädten, darunter auch Bremen, den  Versand am selben Tag an – unter bestimmten Bedingungen sogar kostenlos.

Die Zeitfenster für die Bearbeitung – sei es im Lager oder auf der Fahrt zum Kunden – sind aber bereits bei normalen Lieferzeiten für die Beschäftigten eng getaktet.  „Schon eine Pause ist manchmal ein Problem“, sagt Wolfgang Evers. Zusteller könnten noch nicht mal verschnaufen, wenn sie ein Paket in den fünften Stock ausliefern  mussten und der Fahrstuhl defekt war. Manchmal werden auch zulässige Gewichtshöchstgrenzen bei den Paketen überschritten.



Monotone Arbeit macht psychisch krank
Körperlich anstrengend ist die Arbeit auch im Frachtzentrum – und monoton, vor allem bei der Vorbereitung für den Versand. Die Folge: „Diese Beschäftigten bekommen  über alle Berufsgruppen hinweg am häufigsten Antidepressiva verschrieben“, sagt Marion Salot. Mit anderen Worten: Die Arbeitsbedingungen führen zu psychischen Problemen, der Krankenstand unter den Versandfertigmachern ist entsprechend hoch.

Dabei braucht die Branche dringend Kräfte. Allein zwischen 2012 und 2015 entstanden in Bremen und Bremerhaven mehr als 2.200 zusätzliche Jobs im Lagerbereich.  „Auch wenn nicht alle für den Versandhandel arbeiten, hat er seinen Anteil an dieser Entwicklung“, sagt Marion Salot. Der Bedarf ist weiterhin hoch: Als bekannt wurde, dass das Logistikzentrum DHL Home Delivery seinen einzigen Auftraggeber Amazon verliert und schließen muss, warben andere Logistikunternehmen Beschäftigte  gezielt ab. „Die haben richtig gebuhlt“, sagt Gewerkschafter Wolfgang Evers.

Fachkräftemangel in der Logistik
In der Logistik sei etwas eingetreten, womit er nicht gerechnet habe: ein Fachkräftemangel. „Im gewerblichen Bereich hätte ich das nicht für möglich gehalten“, sagt  Wolfgang Evers. Andererseits habe sich in der Lagerbranche eben auch viel verändert. „Die Beschäftigten brauchen heute technisches Verständnis und  Softwarekenntnisse und müssen in der Lage sein, Prozessabläufe nachzuvollziehen.“ Immer mehr Fachleute sind gefragt. 

Da die Unternehmen aber nicht bereit sind, die entsprechenden Löhne zu zahlen, werden auch zunehmend billige Arbeitskräfte aus Osteuropa eingesetzt. Im  DHL-Paketzentrum in Bremen-Hemelingen arbeiten neben den 250 Beschäftigten der Deutschen Post 60 Bulgaren mit Werkverträgen. „Sie machen die gleiche Arbeit“,  sagt Heiko Gehlken, Betriebsrat bei der Deutschen Post AG. Die finanziellen Bedingungen, zu denen die Bulgaren arbeiten, kennt er nicht. Er befürchtet aber, dass selbst  der Mindestlohn mit Tricksereien untergraben wird.

Post-Beschäftigte haben Angst vor Sparplänen
„Unsere Beschäftigten haben Angst, was aus ihnen in der Zukunft wird“, sagt Heiko Gehlken. Denn sie bekämen den Druck, den die Konzernspitze ausübe, voll zu  spüren. Wegen des wachsenden Onlinehandels werde bundesweit in den Bau größerer Paketzentren investiert. „Die Beschäftigten profitieren aber nicht vom Wachstum.“  Im Gegenteil, am besten sollten sie noch auf Lohn verzichten, habe der Vorstand gefordert.

So sollte es eigentlich auch im Bereich Zustellung passieren: In Bremen arbeiten rund 100 DHL-Paketfahrer mit einem „vernünftigen“ Haustarifvertrag der Deutschen  Post AG, wie Gehlken sagt. Weitere 140 DHL-Kuriere erledigen die gleiche Arbeit für die ausgegliederte Delivery GmbH mit den weit schlechteren Konditionen des  Logistik-Tarifvertrags. „Eigentlich wollte die Post den kompletten Paketbereich in die Delivery GmbH ausgliedern“, sagt Gehlken. „Das konnten wir mit einem Arbeitskampf zum Glück verhindern.“ Neue Kollegen werden allerdings fastausschließlich zu den schlechteren Konditionen eingestellt. Den Express-Service hat die Post  zudem komplett an Subunternehmer ausgelagert, die meist keinen Betriebsrat haben. „Im Vergleich zu anderen Zustellern sind die Arbeitsbedingungen bei uns sicher immer noch gut“, sagt Gehlken. „Aber der Konzern versucht immer mehr, sich an die Strategie der anderen anzunähern.“

Bei den anderen Zustellern, sagt Gewerkschaftssekretär Evers, werde manchmal im Graubereich zwischen legal und illegal gearbeitet – etwa mit Sanktionen bei einer zu  hohen Quote nicht ausgelieferter Pakete. Hoffnung, dass sich die Arbeitsbedingungen der Logistik-Beschäftigten wegen des Fachkräftemangels ändern, hat Evers  nicht. Dafür fehlten den Unternehmen, die ganz unten in der Kette des Onlinehandels stehen, die finanziellen Mittel.



Marktführer Amazon kann Bedingungen diktieren
Wie sehr die Branche unter Druck steht, zeigt auch das Beispiel von DHL Home Delivery. 300 Beschäftigte versendeten dort für Amazon bis zu 300.000 Pakete pro  Monat. DHL hatte nach Angaben von Mitarbeitern aus taktischen Gründen den Vertrag mit dem Internetriesen gekündigt, um vermeintlich eine günstigere Ausgangsposition für neue Vertragsverhandlungen zu haben. Man wollte bessere Bedingungen erreichen. „Das hat nicht funktioniert“, sagt ein Insider, der namentlich  nicht genannt werden möchte. Dabei sei Amazon zufrieden gewesen mit der geleisteten Arbeit. Angeblich soll Amazon einen Teil des bisher in Bremen abgewickelten Geschäfts nach Polen verlegt haben. 

Über all das hatte sich Petra S. noch nie eingehend informiert. Künftig will sie nicht mehr so bedenkenlos Ware im Internet bestellen. Referentin Marion Salot könnte sich vorstellen, dass die Idee eines „fairen Pakets“ bei verantwortungsbewussten Onlinekunden Chancen hätte. Statt einer kostenlosen Zustellung zahlt der Kunde freiwillig  einen Aufpreis für faire Arbeitsbedingungen. Bis so etwas eines Tages möglich sein sollte, rät sie: „Als Konsument sollte man schauen, was man vor Ort kaufen kann.“  Und zwar nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen in der Logistikbranche. „Ich glaube, keiner will, dass die Innenstädte weiter veröden und es künftig nur noch virtuelle Marktplätze gibt.“