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Wo Arbeitsplätze entstehen

19. Mai 2016
von Meike Lorenzen

Wer einen sicheren und oft auch gut bezahlten Job ergattern möchte, sollte sich das komplexe Feld der ›wissensintensiven Dienstleistungen‹ einmal genauer anschauen. In keinem Bereich entstehen so viele Arbeitsplätze wie hier. Doch was ist damit überhaupt genau gemeint? Welche Berufe verbergen sich dahinter? Und wie sind die  Arbeitsbedingungen genau?



Berufliches und Privates verschwimmen bei Anna-Lena Töpel (32). Museen, Ausstellungen, Flagshipstores großer Modemarken – ihre Reisen sind ihre Inspirationsquelle. Erst kürzlich hat die Bremerin das Prada-Museum in Mailand besucht. Abgelegen in einer alten Alkoholfabrik ist ein neues touristisches Highlight entstanden. ›Die Räumlichkeiten und das Gebäude mit dem goldenen Turm passen fantastisch in die Umgebung‹, schwärmt Anna-Lena Töpel. ›Es ist faszinierend, wie Kunst und Kultur hier Platz finden.‹

Eindrücke wie diese nimmt die junge Frau mit in ihr Büro in die Lise-Meitner-Straße auf dem Bremer Unigelände. Hier arbeitet sie als eine von 15 Beschäftigten für das Erlebniskontor. Das Unternehmen hat unter anderem das Universum und das Klimahaus in Bremerhaven mitentwickelt. Anna-Lena Töpel ist als sogenannte ›Projektleitung Ausstellungskonzepte‹ beschäftigt. Für ihre Kunden setzt sie sich mit unterschiedlichsten Themen auseinander – von Schokolade und Autos bis zu Fußball und Energie. Dabei stellt sie sich immer wieder eine Frage: Wie lassen sich diese Themen für ein breites Publikum spannend aufbereiten?

Ihr Aufgabenfeld ist den sogenannten wissensintensiven Dienstleistungen zuzuordnen. Sie muss sich für ihre Tätigkeit ständig weiterbilden, ist beratend tätig, viel unterwegs und arbeitet projektgebunden. Nicht nur in der sogenannten Medien- und Unterhaltungsbranche werden diese Anforderungen an den Beruf immer wichtiger. Auch Architekten, Ingenieure, IT-Fachkräfte und andere sind von dieser Entwicklung stark betroffen, die regelrecht neue Berufsbilder formt. ›Wer im Bereich der sogenannten wissensintensiven Dienstleistungen arbeitet, muss neben seinem eigentlichen Kerngeschäft auch Kontext-Wissen auf Lager haben‹, sagt Steffen Gabriel, Referent für Wirtschaftspolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen. Dadurch können Unternehmen sehr viel schneller und flexibler individuelle Teams zusammenstellen und so auf die Wünsche ihrer Kunden reagieren – ein Muss für viele Dienstleister, um sich am Markt durchzusetzen, der sich im Zeitalter der Digitalisierung ständig wandelt.


Anna-Lena Töpel, Projektleiterin Erlebniskontor GmbH

Den klassischen Werdegang gibt es nicht
So hat sich auch der Freizeitbereich stark verändert. ›Einerseits konkurrieren aufgrund des Internets auch kleine, lokale Einrichtungen mit großen Häusern. Touristen schauen sich ihr Reiseziel genau an, bevor sie eine Reise buchen‹, erklärt Töpel. Andererseits seien mit dem technischen Fortschritt auch neue Möglichkeiten entstanden. ›Wir arbeiten nicht nur mit Texten, sondern auch mit Film- und Hörspielbeiträgen und binden Social Media mit ein. Besonders wichtig ist es uns, einen Erfahrungsraum zu schaffen, in dem sich die Besucher gerne aufhalten und vor allem an Exponaten selbst ausprobieren können‹, sagt sie. Gerade weil digitale Endgeräte im Alltag immer stärker präsent sind, seien ruhige Räume für ein Ausstellungskonzept sehr wichtig.

Studiert hat Anna-Lena Töpel Medienkultur und unter anderem ein Jahr in Münster im Rahmen der Skulpturprojekte gearbeitet. Einen klassischen Ausbildungsweg für ihren aktuellen Beruf gibt es nicht. Sie muss sich einerseits mit Medien und Kommunikationsmethoden auskennen, Kunden beraten, Budgetplanungen im Blick behalten und mit unterschiedlichen Teams aus Architekten, Grafikern, Programmierern und anderen zusammenarbeiten. ›Am meisten lerne ich an meinen Projekten‹, sagt Töpel. ›Und durch Besuche anderer Freizeiteinrichtungen.‹

Die Nachfrage ist groß
Aktuelle Studien zeigen, dass allein in den vergangenen acht Jahren im Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen 11.000 Arbeitsplätze entstanden sind. ›Entsprechende Berufe sind in fast allen Branchen anzutreffen‹, sagt Steffen Gabriel. ›Sie zeichnen sich vor allem durch einen hohen Akademiker-Anteil, beständige Qualifikationen und hohe Verdienstmöglichkeiten aus.‹ Während Autobauer vor allem auf Maschinen angewiesen sind, brauchen Ingenieurbüros, Softwareentwickler und andere Dienstleister vor allem eins: Wissen. Und dieses Wissen muss sich fortwährend verändern. ›Weiterbildung und Qualifikation sind daher wesentliche Merkmale der wachsenden Branche‹, sagt Steffen Gabriel. ›Das Personal muss – wie Maschinen auch – regelrecht gewartet werden, um den sich schnell wandelnden Bedürfnissen der Kunden standzuhalten.‹


Jan Meyer, Leiter der Software-Akademie von Team Neusta (Foto: Cindi Jacobs)

Die Unternehmensgruppe Team Neusta nimmt die Personalwartung selbst in die Hand. 800 Angestellte und 400 Freiberufler beschäftigt der Softwareentwickler und Berater mittlerweile. Allein seit dem Umzug in den Schuppen 1 am Europahafen vor drei Jahren sind 300 Kolleginnen und Kollegen dazugekommen – Tendenz steigend. Schon bald sollen weitere Räume in dem Gebäude bezogen werden. ›Wir bilden unsere Mitarbeiter fort und bieten Umschulungen an‹, sagt Jan Meyer, Leiter der sogenannten Software-Akademie von Team Neusta. Dabei kommen sowohl interne Schulungen als auch selbst organisierte Konferenzen zum Tragen. Geschult werden vor allem Soft Skills – also Kommunikation, Umgang mit Konflikten im Team oder Präsentationen. Ganz neu ist das IT-Bildungshaus, das zertifizierte Umschulungen zum Fachinformatiker anbietet. Am 1. Juni startet die erste Klasse. Hier legt Team Neusta den Fokus auf zwei Schwerpunkte. ›Wir fördern zum einen natürlich neue Methoden der Softwareentwicklung. Das ist unser Kerngeschäft‹, sagt Meyer. ›Gleichzeitig ist uns aber auch ein agiles Projektmanagement wichtig.‹ Konkret: Der Nerd aus dem Keller, der gut programmiert, aber nicht kommunizieren kann, ist bei Team Neusta nicht mehr gefragt. ›Die Erfahrung hat gezeigt, dass die direkte Projektarbeit mit dem Kunden sehr viel zielführender ist, als die Beratung durch einen Manager‹, sagt Meyer. So kann das Unternehmen für jeden Kunden fachlich individuelle Teams zusammenstellen – ganz egal ob eine neue Homepage, eine Software oder eine mobile Lösung gesucht wird.

 

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Wie wissensintensive Dienstleister arbeiten
Ob Erlebniskontor, Neusta oder andere Dienstleister in Bremen – mit ihrer Projektausrichtung sind die Unternehmen sehr flexibel und für viele Kunden interessant. Und das weit über die Bremer Landesgrenzen hinaus.

›Die große Chance für Bremen ist, dass diese Unternehmen nicht nur in Bremen – sondern theoretisch weltweit – mit ihrem Dienstleistungsangebot Geld verdienen können‹, sagt Steffen Gabriel. Das mache sie deutlich krisenfester.

Team Neusta hat bereits Büros in Berlin, Hamburg und München. Gerade erst ist ein weiterer Sitz in Essen dazugekommen. Viele Beschäftigte sind im Außendienst unterwegs, um Kunden direkt vor Ort zu betreuen. Sogar die Fortbildungen öffnet das Digitalunternehmen immer mehr und bietet seinen Kunden In-House-Schulungen vor Ort an.

Auch Anna-Lena Töpel ist viel unterwegs. Das Erlebniskontor betreut inzwischen deutschlandweit Ausstellungen. Erst kürzlich war sie für einige Wochen in Neustrelitz, wo sie die Erlebnisausstellung ›Ressourcenkammer Erde‹ mit aufgebaut hat. Davor war sie einige Zeit in Osnabrück für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt tätig. Dann wieder für eine Ausstellung des Fußballklubs VfL in Wolfsburg. ›Gerade in solchen Zeiten ist es wichtig, seinen Freundeskreis und seine Hobbys zu Hause zu haben‹, sagt  sie. Je gefestigter das Privatleben ist, desto stärker könne man in der freien Zeit wieder auftanken. Denn das Projektgeschäft fordere einen. ›Während die Konzeption im Büro eher ruhig abläuft, ist die konkrete Umsetzungsphase beim Kunden vor Ort deutlich stressiger – aber genauso spannend‹, sagt Anna-Lena Töpel. Schließlich entstehe in dieser Zeit das, was sie sich mit ihrem Team am Schreibtisch überlegt hat.

Chancen und Risiken
›Die Arbeitsbelastung in projektbezogener Arbeit kann sehr extrem werden‹, sagt Steffen Gabriel. ›In der Regel haben die Beschäftigten keinen 9-to-5-Job, sondern  müssen auch während der Freizeit immer wieder an ihren Projekten arbeiten.‹ Diese entgrenzten Arbeitszeiten könnten schneller zu Burn-out oder anderen Überforderungserscheinungen führen. Besonders problematisch dabei: Die wenigsten Unternehmen im Bereich der wissensintensiven Dienstleistungen haben bisher einen Betriebsrat, der sich für Arbeitnehmerinteressen starkmachen könnte.

Dennoch hält er diesen Bereich für wirtschaftlich überaus relevant. ›Die wissensintensiven Dienstleistungen sind derzeit einer der entscheidenden Wachstumstreiber in Bremen. Hier zu investieren, ist mindestens genauso wichtig, wie in die Industrie‹, sagt er – und spielt damit auf den ›Masterplan Industrie‹ an, mit dem die Bremer Wirtschaftsförderung die Industrie im kleinsten Bundesland gezielt fördert.

Eine konkrete Möglichkeit sei zum Beispiel die gezielte Unterstützung der Bremer Bildungseinrichtungen. Tatsächlich arbeiten sowohl das Erlebniskontor als vor allem Team Neusta mit den großen Bildungseinrichtungen in der Region zusammen – von der Universität Bremen über die Hochschule für Künste und den Hochschulen bis zur Jacobs University.

›Außerdem wäre es wichtig, die einzelnen Branchen gezielt zu fördern‹, sagt Gabriel. Dass Förderbedarf besteht, zeigt ein Blick auf den bundesweiten Großstädtevergleich. Laut Daten der Bundesagentur für Arbeit liegt Bremen mit 21,4 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den wissensintensiven Dienstleistungen auf dem vorletzten Platz. Nur Duisburg schneidet mit 18,3 Prozent schlechter ab. Spitzenreiter ist München mit 38,3 Prozent. Hamburg liegt mit 29,8 Prozent knapp unter dem Durchschnittswert von 30,9 Prozent.


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