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Anforderungen steigen – Löhne bleiben niedrig

6. August 2015
von Janet Binder

Jobs im sozialen Dienstleistungssektor boomen: Sei es im Gesundheitsbereich, in der Sozialarbeit oder in der Erziehung. Mehr als jeder zehnte Beschäftigte arbeitet inzwischen in diesem Bereich. Doch die Anforderungen steigen und damit auch die seelischen und körperlichen Belastungen.

 

 

Petra Deliga arbeitet seit fast 40 Jahren als Altenpflegerin. Sie weiß, wie stark sich der Job gewandelt hat. ›Früher konnten wir mit den Bewohnern Ausflüge machen, haben Basare organisiert, man konnte sich auf seine Dienstzeiten verlassen‹, erinnert sich Deliga, die sich inzwischen als freigestellte Betriebsrätin bei den Hansa Seniorenzentren Bremerhaven für die Interessen ihrer 200 Kolleginnen einsetzt. Seit der Einführung der Pflegeversicherung orientiert sich der Personalbedarf an den Pflegestufen. ›Der Zeitdruck hat zugenommen‹, sagt Petra Deliga.

Ein Teufelskreis: Durch den Leistungsdruck und die Arbeitsüberlastung meldeten sich immer mehr Beschäftigte krank. ›Dadurch gibt es keine Planbarkeit der Dienste mehr‹, sagt die Betriebsrätin. Ständig müssten Kolleginnen für andere einspringen. ›Freizeit und Familie bleiben auf der Strecke.‹ Die körperlichen und psychischen Belastungen steigen so noch mehr. Die Folge sei eine hohe Fluktuation in der Branche: ›Fachkräfte bleiben nur noch acht Jahre‹, so Deliga. Bei einer Befragung von Beschäftigten in Pflegeberufen durch den Deutschen Gewerkschaftsbund 2012 glaubten nur 20 Prozent, dass sie ihre Tätigkeit unter den derzeitigen Anforderungen bis zum Rentenalter durchhalten können. Dabei ist der Bedarf in der Altenpflege so hoch wie nie.


Petra Deliga, Altenpflegerin und Betriebsrätin bei den Hansa Seniorenzentren Bremerhaven

Quereinsteiger willkommen
Wegen des demografischen Wandels gibt es immer mehr Senioreneinrichtungen, für die entsprechend Pflegerinnen und Pfleger benötigt werden. Selbst Quereinsteiger werden gerne genommen. ›Pflegefachkräfte können sich aussuchen, wohin sie gehen‹, sagt Peter Bleses vom Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen (IAW). Doch auch in anderen sozialen Dienstleistungen sind die Jobaussichten gut: Wegen des Kita-Ausbaus werden mehr Erzieherinnen und Erzieher benötigt. Die Inklusion von Behinderten an Schulen bedeutet einen höheren Bedarf an Heilerzieherinnen und Heilerziehern, steigende Flüchtlingszahlen verlangen nach mehr Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. ›Es haben noch nie so viele Menschen in pflegenden, therapeutischen, beratenden und betreuenden Berufen gearbeitet wie heute‹, so Bleses. Allein in Bremen sind es über 50.000.

Doch das Plus hat nicht zu einer Entlastung der Beschäftigten geführt. Im Gegenteil: Die Anforderungen in den Berufen sind gestiegen, die Arbeitsdichte hat zugenommen. ›Die Kita ist nicht mehr nur Ort der Kinderbetreuung, sondern auch der frühkindlichen Bildung und der Armutsbekämpfung‹, sagt Peer Rosenthal, Referent der Geschäftsführung der Arbeitnehmerkammer Bremen. In Krankenhäusern sind die Liegezeiten kürzer, dadurch haben die Pflegekräfte mehr betreuungsintensive Patienten. Und weil die Menschen immer länger lebten, werden in den Altenpflegeheimen auch immer mehr Menschen mit starken Beeinträchtigungen wie Demenz gepflegt.

Es müssten also eigentlich noch viel mehr Menschen im sozialen Dienstleistungssektor eingestellt werden – doch dafür fehlt das Geld: Arbeitgeber oder Auftraggeber sind oft die Kommunen, die unter einem strengen Spardiktat stehen. Das gilt vor allem auch für das Land Bremen, das die Schuldenbremse sogar in der Landesverfassung festgeschrieben hat.

Soziale Leistungen müssen sich rechnen
›Soziale Leistungen stehen zunehmend unter dem Druck, sich refinanzieren zu müssen‹, beklagt Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer Bremen. Selbst bei der inklusiven Beschulung Behinderter und bei der Wohnungslosenhilfe werde nach dem ›Return-of-Investment‹, also nach der Rentabilität, gefragt. Auch Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands und Autor des Buchs ›Mehr Mensch! Gegen die Ökonomisierung des Sozialen‹, beklagt, dass soziale Arbeit nur noch nach effizienten Kriterien beurteilt wird. Ausschreibungen in den sozialen Dienstleistungen unterschieden sich kaum noch von denen im Baugewerbe.

›Vor allem in der Pflege ist das offensichtlich‹, betont Schneider. Das ganzheitliche Menschenbild sei dort bereits verloren gegangen. Die Pflege sei aufgespalten in Teilschritte: ›Kleine Wäsche, große Wäsche, Hilfe zur Nahrungsaufnahme, Lagern.‹ Einen Teil der Arbeit machen Hilfskräfte, die in immer größerer Zahl in der Pflege eingesetzt werden. ›Die examinierten Kräfte sind mit anspruchsvolleren Tätigkeiten und der Dokumentation beschäftigt‹, sagt Elke Heyduck. Die meisten neu geschaffenen Arbeitsplätze entstünden bereits in den gering bezahlten Helferund Assistenzberufen im Gesundheits- und Erziehungssektor.

Auch Petra Deliga beobachtet, dass immer mehr ungelernte Pflegerinnen und Pfleger in der Altenpflege eingesetzt werden. Das habe nicht nur mit dem Budget zu tun, sondern vor allem mit dem Fachkräftemangel. ›Ich kenne kein Haus, das überhaupt noch die vorgeschriebene 50-Prozent-Quote an Fachkräften erreicht‹, sagt die 56-Jährige. Wichtig sei, das Ansehen der Pflegeberufe zu stärken. Um mehr ausgebildete Kräfte zu gewinnen, müssten sich deshalb nicht nur die Arbeitsbedingungen verbessern, sondern auch die Bezahlung. 2.100 bis 2.300 Euro brutto verdient eine ausgebildete Altenpflegerin. ›Für das, was geleistet wird, ist das zu wenig‹, sagt Deliga.

Auch in anderen sozialen Berufen verdienen die Beschäftigten eher wenig. Die Gründe dafür liegen auch in der Historie. ›Früher waren das barmherzige, unentgeltliche Tätigkeiten vor allem von Frauen‹, erklärt Peter Bleses. Später bewegten sich die Löhne auf ›Zuverdienstniveau‹ – der Mann sollte für das Haupteinkommen sorgen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten seien die sozialen Berufe stark professionalisiert worden. ›Heute ist es gesellschaftlicher Konsens, dass die Berufe gut bezahlt werden müssen‹, sagt Peer Rosenthal. Doch das Geld fehlt. Ulrich Schneider fordert deshalb, dass der Bund die Kommunen besser finanziell ausstatten müsste.

Arbeitgeber bieten vor allem Teilzeit an
Weil das aber nicht so ist, werden in sozialen Berufen viele Teilzeitstellen angeboten. Auch der Zuwachs der Minijobs ist in dem Berufsbereich doppelt so stark wie in der Gesamtwirtschaft. ›Arbeitgeber haben ein großes Interesse an Teilzeitarbeit‹, begründet Peter Bleses. ›Dadurch arbeiten mehr Menschen im Betrieb, Vertretungen können so besser organisiert werden.‹ Viele Frauen mit Kindern nutzten Teilzeit gern. Doch ein ohnehin geringes Vollzeit-Gehalt reiche in der Teilzeit gerade für Alleinerziehende womöglich kaum zum Leben.

Doch auch Frauen ohne Kinder ›flüchteten‹ in den betreuenden und pflegenden Berufen gerne in die Teilzeit. ›Sie halten Vollzeit in dem Beruf gar nicht aus, sie brauchen ihre Ausgleichzeit‹, betont Bleses. Dennoch übten die meisten Beschäftigten ihren Job mit Leidenschaft aus: ›Die Tätigkeit gibt eine unmittelbare Sinnerfüllung‹, sagt Rosenthal. Auch Petra Deliga weiß, warum sie Altenpflegerin geworden ist: Sie will helfen. ›Das habe ich von klein auf in meiner Familie gelernt.‹


Zahlen, Daten, Fakten:
 

Zu den sozialen Dienstleistungsberufen gehören unter anderem:
❙ (Kranken-, Kinderkranken-, Alten-, Behinderten-)Pfleger/in
❙ Erzieher/in
❙ Heilerziehungspflege
❙ Hebamme
❙ Familienpfleger/in
❙ Sozialpädagoge/in
❙ Sozialarbeiter/in
❙ Dorfhelfer/in
❙ (Krankenpflege oder Altenpflege-)Helfer/in
❙ Hauswirtschafter/in
❙ Logopäde/in
❙ Physiotherapeut/in
❙ Ergotherapeut/in
❙ Beschäftigte im Jobcenter
❙ Schuldnerberater/in
❙ Quartiersmanager/in

Weitere Informationen:
 

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