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Traumjob mit Haken

6. August 2015
von Janet Binder

Vor allem Frauen arbeiten in sozialen Berufen – etwa als Pflegerin oder Erzieherin. Die Arbeitnehmerkammer Bremen befragte Beschäftigte, wie sie ihren Arbeitsalltag erleben.

CORNELIA BACKHAUS (56) UND MARINA VAN OEST (23) sind mit Leib und Seele Erzieherin – die eine bereits seit 35, die andere seit knapp drei Jahren. Beide haben sich bewusst für einen Job in einer Einrichtung in einem sozialen Brennpunkt entschieden: Die Kita ist in Gröpelingen, der Migrationsanteil sehr hoch. ›Ich habe hier das Gefühl, gebraucht zu werden‹, sagt Marina van Oest. Auch ihre Kollegin Cornelia Backhaus sagt: ›Ich merke, ich kann etwas bewirken. Das gibt mir immer wieder neue Kraft.‹

Die Anforderungen in ihrem Beruf als pädagogische Fachkraft sind hoch – das zeigt schon die fünfjährige Ausbildung. Doch den beiden fehlt die gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung. Deshalb sind sie auch während des Kita-Streiks auf die Straße gegangen. ›Wir wollen endlich weg von dem Image der Basteltante, die mit einer Kaffeetasse in der Hand ein bisschen nach den Kindern schaut‹, betont Cornelia Backhaus. Dieses Bild habe so gar nichts gemein mit ihrem Arbeitsalltag, in dem sie  Kindern die deutsche Sprache und Empathie beibringt sowie ihren Horizont maßgeblich erweitert.

Im Gegensatz zu früher sei die Elternarbeit genauso wichtig geworden wie die am Kind, sagt Cornelia Backhaus. Die Eltern, die meist ungenügend Deutsch sprechen,  kämen mit Briefen von der Bank oder mit gesundheitlichen Problemen zu ihnen. ›Wir werden voll in die Sozialarbeit genommen‹, sagt die Erzieherin. Zwar gebe es auch andere Anlaufstellen im Stadtteil. ›Aber zu uns haben sie Vertrauen‹, so Marina van Oest.

Beide wissen, dass sie sich von diesen Hilfeersuchen nicht vereinnahmen lassen dürfen – denn die Zeit haben sie gar nicht. ›Aber wenn wir die Eltern gewinnen, dann ist die Arbeit mit den Kindern eine sehr fruchtbare‹, unterstreicht Cornelia Backhaus. ›Jeder muss für sich sehen, wo er seine Grenzen zieht.‹ Schlimmer noch setzt es ihnen zu, wenn sie wissen, dass Kinder zu Hause nicht ausreichend versorgt werden. ›Montags muss immer mehr gekocht werden, weil es am Wochenende für viele  nicht genug zu essen gab.‹ So manche Vorkommnisse bedrückten beide sehr. ›Ich muss das dann loswerden, es frisst mich sonst auf‹, sagt Marina van Oest. Supervisionen, also fachliche Beratungen, helfen ihr. ›Es wäre aber gut, wenn man sie nicht beantragen müsste, sondern wenn sie eine feste Einrichtung wären‹, sagt Kollegin Backhaus.

Stressig sei auch die Gruppengröße von 18 bis 20 Kindern. Auch mit zwei Erzieherinnen pro Gruppe kommen Cornelia Backhaus und ihre Kolleginnen regelmäßig an ihre Grenzen. ›Manchmal habe ich es bis 14 Uhr noch nicht geschafft, mal auf die Toilette zu gehen.‹ Und wenn, dann begleitet sie ein Kind bis zur Tür und klopft währenddessen an diese. Pausenzeiten gibt es nicht. ›In jedem anderen Beruf ist eine Pause nach sechs Stunden Arbeitszeit Pflicht.‹

Ein Sozialraum für die Mitarbeiterinnen existiert nicht. Regelmäßig fallen Überstunden für Elterngespräche an, weil diese nicht während der Betreuungszeit gemacht  werden dürfen. Gegessen und gebastelt wird mit den Kindern an kleinen Tischen. Vor allem viele ältere Kolleginnen bei Kita Bremen leiden an Rückenproblemen.

Und trotzdem könnten sich Cornelia Backhaus und Marina van Oest keinen schöneren Beruf vorstellen. ›Das ist kein Job, für mich ist es Berufung‹, sagt Cornelia  Backhaus. ›Wir müssen sehr viel geben, bekommen aber auch sehr viel zurück.‹ Bessere Rahmenbedingungen wünschen sie sich trotzdem.


Cornelia Backhaus, Erzieherin

NICOLE GESAU (43) ist zu ihrem Job als persönliche Assistentin von Schwerbehinderten auf ungewöhnliche Weise gekommen: Sie war 25 Jahre in der Gastronomie tätig, zuletzt selbstständig mit 16-Stunden-Tagen. ›Bis sich mein Körper gemeldet hat‹, erzählt sie. Sie nahm ein Jahr Auszeit und entschied sich, als Quereinsteigerin als individuelle Schwerbehinderten-Betreuerin bei den Paritätischen Diensten zu arbeiten. Zurzeit betreut sie vor allem zwei Schwerbehinderte in deren eigenen Wohnungen. ›Pflege ist ohne Frage anstrengend, aber ich fühle mich sehr wohl‹, sagt Nicole Gesau. ›Ich habe Spaß daran zu helfen.‹ Anders als in der Altenpflege habe sie bei ihrer Arbeit keinen Zeitdruck. Sie ist acht bis zehn Stunden am Stück bei einem – wie sie es nennt – Klienten.

Aus Erfahrung weiß sie, dass sie auf ihren Körper achten muss. Wenn sie merkt, dass sie beim Heben eines Klienten vom Bett in den Rollstuhl nicht richtig steht, spricht sie das an und versucht es anders. Regelmäßige Übungen für Rücken und Beckenboden hat sie in ihren Alltag eingebaut. ›Beim Zähneputzen gehe ich in die Knie – das stärkt den Rumpf.‹ Rückenleiden gehören zum Berufsbild – genauso wie psychische Probleme.

›Viele leiden zu sehr mit den Klienten mit‹, sagt Nicole Gesau. ›Manche haben Schuldgefühle, weil sie denken, sie tun nicht genug.‹ Sie weiß, dass Abgrenzung wichtig  ist. Wenn einer ihrer Klienten Schmerzen hat, zeigt sie Mitgefühl und ist für ihn da. ›Aber ich weiß, dass ich dafür nicht verantwortlich bin.‹ Zahlreiche Dienstbesprechungen, Supervisionen und Fortbildungen helfen Nicole Gesau, ihre Einsicht zu bewahren. Trotz ihres reflektierten Umgangs mit dem Job will sie diesen nur als Dreiviertelstelle machen. ›Ich brauche Zeit, um mich abzugrenzen.‹ Sie weiß auch, dass sie die nächsten 20 Jahre die Arbeit körperlich nicht durchhalten wird. Deshalb möchte sie sich weiterbilden, mehr Verantwortung übernehmen und einen Job machen, in dem sie ihren Erfahrungsschatz weitergeben kann.


Renate de Vries, Altenpflegerin

RENATE DE FRIES (60) fährt jeden Arbeitstag bis zu 90 Kilometer – und das nur in Bremen-Nord. Sie arbeitet seit elf Jahren in der ambulanten Altenpflege. Früher war  sie Arzthelferin, mit 40 hat sie eine Umschulung gemacht. Sie mag ihren Job, für den sie sich bewusst entschieden hat, auch wenn das Gehalt nicht üppig ist. ›Die Menschen freuen sich, wenn man kommt‹, sagt die examinierte Altenpflegerin. ›Wir sind für viele der Draht nach draußen.‹

Stationär würde sie allerdings nie wieder arbeiten wollen. Bevor sie vor elf Jahren in die Hauskrankenpflege gegangen ist, war sie in mehreren Pflegeheimen beschäftigt. ›Die sind permanent personell unterbesetzt‹, beklagt sie. ›Da bleibt alles auf der Strecke.‹ Die Würde des Menschen könne bei den Arbeitsbedingungen nicht gewahrt werden – geschweige denn ihr Berufsethos. In der ambulanten Pflege sei die Zeit zwar auch genau getaktet. ›Aber man rennt nicht ständig mit dem Pieper durch die Gegend. Wenn ich jetzt bei einem alten Menschen bin, dann bin ich auch ganz für ihn da.‹ Das sei ein großer Vorteil. Sie habe nicht mehr das Gefühl, unter Druck zu  stehen. Einige pflege sie schon seit Jahren. ›Zu ihnen kann man ein Vertrauensverhältnis aufbauen.‹

Körperlich habe sie ihren Job in den vergangenen Jahren gut durchgehalten. Nur vor Kurzem holte sie sich bei der Arbeit einen Knacks im Rücken. ›Das war das erste  Mal‹, sagt sie. 30 Stunden arbeitet sie in der Woche: Ihr Arbeitgeber bietet nur Teilzeit an. ›Ich bin aber damit zufrieden‹, sagt de Fries.


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