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Mehr gefühlt als gesichert

30. Juni 2011 (aus: BAM 5/11)

›Uns reicht's - wir brauchen Fachkräfte!‹ Unter diesem Motto demonstrierten junge Unternehmer Mitte Mai vor dem Brandenburger Tor in Berlin, um auf einen akuten Fachkräftemangel aufmerksam zu machen und die Politik zum Handeln zu bewegen. Die Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJD), Organisatoren der Demo, verbreiten dazu auf hrer Internetseite folgende Botschaften: ›Die Jobs liegen auf der Straße. Wir haben Hotels, die keinen Koch mehr finden, Software-Entwickler ohne Programmierer und Umzugsunternehmer, die Möbelpacker suchen.‹

Der Bremer Arbeitsmarkt kann nicht gemeint sein. Ein kurzer Blick in die aktuelle Statistik der Bundesagentur für Arbeit zu den dort gemeldeten offenen Stellen und den registrierten Arbeitslosen nach Zielberufen verrät Folgendes: In der Berufsklasse (7432) ›Möbelpacker, -transporteure‹ sind 27 Arbeitsuchende und sechs Arbeitsangebote ausgewiesen; somit kommen etwa vier Bewerber auf eine gemeldete Stelle. In der Berufsklasse (7742) ›Anwendungsprogrammierer‹ zählt die Statistik 30 Arbeitsuchende und fünf Arbeitsangebote (sechs Bewerber pro gemeldete Stelle), in der Berufsklasse (7743) ›Systemprogrammierer‹ 33 Arbeitsuchende und 20 Arbeitsangebote und selbst in der Berufsklasse (7748) ›Informatiker (EDV)‹ werden 114 Arbeitsuchende und 38 Arbeitsangebote, also drei Bewerber auf eine offene Stelle registriert. Bei den Rechenzentrums- und Datenverarbeitungskaufleuten konkurrieren sogar zehn Bewerber um einen ausgeschriebenen Job.

Und wie sieht es mit dem behaupteten Personalnotstand in den Großküchen aus? Bekanntermaßen verderben viele Köche den Brei, so auch hier. Aktuell stehen im Land Bremen 267 ausgebildeten Köchen 43 gemeldete Stellen gegenüber; somit konkurrieren etwa sechs Bewerber um einen freien Arbeitsplatz. In der Berufsklasse (4117) ›Kochhelfer‹ kommen rein rechnerisch sogar 51 Bewerber auf einen angebotenen Job bei 1.745 Arbeitslosen und lediglich 34 gemeldeten Stellen.

Ja, was denn nun? Während in Bremen die arbeitslosen Fachkräfte auf der Straße stehen, liegen anderenorts dort die Jobs? Mitnichten. Jedenfalls nicht bezüglich der angeführten Berufsklassen. Die amtlichen Arbeitsmarktstatistiken weisen aus, dass bundesweit bei den Möbelpackern aktuell neun Arbeitslose auf eine gemeldete Stelle kommen, bei den Anwendungsprogrammierern und Informatikern drei, bei den Köchen ebenfalls drei und bei den Kochhelfern 24.

Offensichtlich greifen selbst die Firmen, die ihre Arbeitskräfte über die Arbeitsagentur oder das Jobcenter suchen, nicht auf arbeitsuchende Leute vom Fach zurück. Warum nicht, wenn diese doch so händeringend gesucht werden? Oder umgekehrt: Greifen Arbeitslose nicht nach den ihnen angebotenen Jobs, etwa weil sie - befristet - keine Lebensplanung erlauben, weil Arbeitszeiten über 40 Stunden in der Woche liegen, Einsätze an Wochenenden und Feiertagen zu leisten sind, gesundheitliche Gefährdungen absehbar sind und der angebotene Stundenlohn mehr Hungerlohn ist und nicht oder nur geringfügig über dem Arbeitslosengeld I beziehungsweise der Grundsicherung liegt?

In der Arbeitswelt sind alle Varianten zu finden. Es lohnt sich, Vermittlungsprozesse stärker als bisher unter die Lupe zu nehmen und zu ergründen, ob es in Einzelfällen, in Berufsklassen oder Branchen tatsächlich an Fachkräften mangelt oder Stellenbesetzungsprobleme nicht vielmehr dem Mangel an guter Arbeit geschuldet sind.

Die Beispiele jedenfalls weisen nach, dass wir mit Plattitüden und aufgeregtem Aktionismus dem Thema nicht gerecht werden. Eine vor wenigen Tagen vorgestellte KfW-Studie offenbart, dass ein genereller flächendeckender Fachkräftemangel für den Mittelstand auf kurze Sicht kein zentrales Problem darstellt. Weniger als ein Prozent (!) der befragten kleinen und mittelständischen Betriebe sehen hier Schwierigkeiten. Als zentrale Problemfelder haben stattdessen die Erschließung neuer Kundensegmente, der Vertrieb von Gütern und Dienstleistungen, die Umsatz- und Ertragssituation und die Unternehmensstrategie Vorrang.

Unsere Klarstellung blendet selbstverständlich nicht aus, dass partiell durchaus Personalengpässe schon jetzt festzustellen beziehungsweise absehbar sind. Auch die Auswirkungen der demografischen Entwicklungen auf den Arbeitsmarkt sind durchaus ernst zu nehmen. So wird insbesondere die Gesundheitswirtschaft im stationären wie im ambulanten Bereich einen merklich steigenden Fachkräftebedarf anzeigen und aufgrund der höheren Lebenserwartung auch decken müssen. Erste gesicherte Studien für Gesundheits- und Pflegeberufe liegen als Planungsgrundlage vor. Zur Deckung des prognostizierten Bedarfs können und müssen heute vonseiten der Wirtschaft und der Politik die entsprechenden Weichen gestellt werden. Und dazu gehört gerade hier, schlechte Arbeitsbedingungen in gute fortzuentwickeln und Lohn- und Arbeitszeitmodelle einer ganzen Branche zu überdenken.

Eine seriöse Debatte um Fachkräftebedarfe braucht fundierte Befunde, keine Pauschalierungen und Horrorszenarien ohne realen Hintergrund. Ganz konkret wären die künftigen Anforderungen an Personal und Qualifikationsbedarfe seitens der Unternehmen zu ermitteln und zu benennen. Falls Probleme bei der Besetzung von offenen Stellen nicht per se aus einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften resultieren, sondern oft auch einem Mangel an attraktiven Arbeitsplätzen geschuldet sind, müssen ebenso konkret die Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer analysiert und diskutiert werden. Qualifiziertes Personal ist nicht zum Nulltarif zu haben. Prof. Dr. Gerhard Bosch, Wirtschaftssoziologe an der Universität Duisburg-Essen, gab eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob wir aktuell einen Fachkräftemangel in Deutschland haben: ›Nein, denn in der Marktwirtschaft wird ein Mangel immer über Preissteigerung angezeigt, und wenn wir die Lohnentwicklungen vergleichen, dann sind die Löhne der qualifizierten Beschäftigten in den letzten Jahren nicht stärker gestiegen als die der Unqualifizierten.‹ Beste Löhne und Gehälter für beste Köpfe? Noch ist nicht festzustellen, dass Unternehmen versuchen, qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer um jeden Preis an sich zu binden. Gerade im Land Bremen, wo immer mehr Fachkräfte als Leiharbeiter beschäftigt werden und schon die Hälfte aller Vermittlungen seitens der Arbeitsagentur und des Jobcenters über Zeitarbeitsfirmen läuft, ist der Fachkräftemangel wohl mehr gefühlt als gesichert.

von Esther Schröder
(Referentin für Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik)


Weitere Informationen:
 

Möbelpacker
Der Beruf Möbelpacker/in ist ein anerkannter Ausbildungsberuf und wird von Industrie und Handel mit einer Dauer von drei Jahren angeboten. Der Verband für Arbeitsgestaltung, Betriebsorganisation und Unternehmensentwicklung e.V. stuft in seiner ›REFA-Klassifizierung‹ die Tätigkeit des Möbelpackers in die höchste Kategorie ›schwerste Arbeiten‹ ein. Das ständige Heben und Tragen schwerer Lasten und das Arbeiten unter Termindruck bei Kälte, Hitze und Lärm bedeuten höchste körperliche Beanspruchung und erfordern Belastbarkeit, die häufig im Alter nicht mehr gegeben ist.

IT-Berufe

Software-Entwickler und Systemprogrammierer sind hohen Belastungen ausgesetzt. Studien sprechen von einem ständigen Zeit- und Erfolgsdruck, von einer Arbeitskultur, die das Altern im Beruf erschwert. Laut Fachverband liegt das Durchschnittsalter der Beschäftigten bei 35 Jahren, die durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeiten zwischen 45 und 50 Stunden. Es herrscht eine hohe Fluktuation. Der Bremer Arbeits- und Gesundheitswissenschaftler Dr. Wolfgang Hien, der Interviews mit IT-Experten führte, spricht von ›Jugendkult‹ und einem ›mörderisch schnellen Innovationszyklus‹ in der Branche. Die Folge: IT-Fachkräfte leiden überdurchschnittlich oft an psychosomatischen Beschwerden (chronische Müdigkeit, Nervosität, Erschöpfung bis Burnout). Hinzu kommt, dass die Gehälter in den letzten Jahren gesunken sind.

Köche
Der Beruf ist vielfältig und anspruchsvoll. Die Tätigkeiten umfassen den Einkauf benötigter Waren, das fachgerechte Lagern, die Erstellung von Speiseplänen, die Kalkulation von Herstellungs- und Verkaufspreisen, das Aufstellen von Arbeitsabläufen, die Planung des Personaleinsatzes, die Vor- und Zubereitung von Speisen, das Anrichten von Speisen, die Pflege von Arbeitsmitteln und Maschinen sowie das Aufräumen und Reinigen des Arbeitsplatzes. Köche arbeiten unter hohem Zeitdruck und sind körperlich durch Hitze, Stress und langes Stehen belastet. Hinzu kommen sehr unregelmäßige und teilweise überlange Arbeitszeiten, Arbeit an Wochenenden und Feiertagen, Schichtdienst und Saisonarbeit. Das durchschnittliche Einstiegsgehalt liegt bei 1.180 bis 1.350 Euro brutto.