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Sieben Fakten zur Erwerbsminderungsrente

19. Mai 2016
von Meike Lorenzen

Pro Jahr stellen rund 400.000 Versicherte einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente bei der Rentenversicherung. Durch einen Unfall oder eine schwere Erkrankung teilweise oder vollständig erwerbsunfähig zu werden, kann jede Arbeitnehmerin und jeden Arbeitnehmer treffen. Längst ist das Risiko einer sogenannten Erwerbsminderung keine Seltenheit mehr: Allein in Bremen sind rund 1.500 Menschen betroffen. Und zunehmend wird Erwerbsminderung zum Armutsrisiko.



1. Was ist eine Erwerbsminderungsrente?
Wer chronisch krank ist oder durch eine schwere Behinderung nicht in der Lage ist zu arbeiten, kann die sogenannte Erwerbsminderungsrente der gesetzlichen Rentenversicherung beantragen. Grundsätzlich gilt: Sobald eine Genesung in absehbarer Zeit nicht wahrscheinlich ist, greift diese Lohnersatzleistung. Dabei gilt jedoch das Motto ›Reha vor Rente‹. Das heißt, dass man nur dann eine Erwerbsminderungsrente beantragen kann, wenn eine berufliche oder medizinische Reha-Maßnahme nicht erfolgreich war oder voraussichtlich sein wird.

2. Was ist die sogenannte medizinische Voraussetzung?
Eine medizinische Voraussetzung liegt vor, wenn wegen einer Krankheit oder Behinderung nicht mehr mindestens sechs Stunden am Tag gearbeitet werden kann. Das überprüft die Rentenversicherung anhand ärztlicher Gutachten. Gegebenenfalls darf die Rentenversicherung auch weitere Gutachten einfordern, um die Arbeitsfähigkeit von Betroffenen zu überprüfen.

3. Welche versicherungsrechtlichen Voraussetzungen müssen gegeben sein?
Wer krank oder behindert ist, hat nicht automatisch einen Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente. Neben den medizinischen Voraussetzungen müssen auch versicherungsrechtliche erfüllt sein. Nur wer mindestens fünf Jahre lang versichert gewesen ist, hat einen Anspruch auf die Erwerbsminderungsrente. Davon müssen mindestens drei Jahre der sogenannten Wartezeit mit Pflichtbeitragszeiten erfüllt sein. Die anderen zwei Jahre können gegebenenfalls auch mit Zeiten des Bezugs von  Kranken-, Arbeitslosen- oder Übergangsgeld aufgestockt werden.

4. Gibt es noch einen Berufsschutz?
Nein, sind Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer zwar in ihrem ausgeübten Beruf in der Erwerbsfähigkeit gemindert, aber sonst auf dem Arbeitsmarkt noch einsetzbar, wird zunächst geprüft, ob eine anderweitige Beschäftigung möglich ist. Nur wenn dies ausgeschlossen ist, besteht die Möglichkeit, eine volle Erwerbsminderungsrente zu erhalten. Der früher geltende ›Berufsschutz‹ besteht nur noch für Versicherte, die vor dem 2. Januar 1961 geboren sind. Sobald diese in ihrem oder einem vergleichbaren Beruf nur noch weniger als sechs Stunden täglich arbeiten können, können sie eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung bei Berufsunfähigkeit erhalten – auch wenn sie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt durchaus noch hätten arbeiten können.

5. Wann steht mir rechtlich eine Erwerbsminderungsrente zu?
Der Teufel liegt im Detail, wenn es um die Berechnung der Erwerbsminderungsrente geht. Wer weniger als drei Stunden täglich arbeiten kann, hat in der Regel einen Anspruch auf eine volle Erwerbsminderungsrente. Wer zwar drei Stunden täglich oder mehr, aber weniger als sechs Stunden täglich arbeiten kann, hat Anspruch auf eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung. Ausnahme hier ist der Fall der Arbeitslosigkeit, Betroffene erhalten ebenfalls die volle Rente. Wer noch sechs Stunden oder mehr arbeiten kann, erhält keine Erwerbsminderungsrente. Soweit die Gesetzgebung – doch in der Realität wird nur jeder zweite Antrag auf Erwerbsminderungsrente überhaupt bewilligt. Entsprechend ist eine individuelle Rechtsberatung im Vorfeld sehr zu empfehlen.

6. Wie viel Geld darf dazuverdient werden?
Grundsätzlich können bis 450 Euro im Monat zusätzlich zur vollen Erwerbsminderungsrente dazuverdient werden. Wer jedoch mehr verdient, muss mit einer Kürzung  oder gar kompletten Einstellung der Rentenzahlung rechnen. Bei teilweiser Erwerbsminderung wird die Zuverdienstgrenze individuell – abhängig vom vorhergegangenen regulären Einkommen berechnet. Weil das Verfahren sehr komplex ist, empfiehlt die Deutsche Rentenversicherung, sich diesbezüglich von der Rentenversicherung beraten zu lassen.

7. Hat die Erwerbsminderung Folgen für meine Rente?
Ja, sofern sie von einer mit Abschlägen belegten Erwerbsminderung direkt in die offizielle Rente wechseln. In diesem Fall werden die Abschläge auch auf die Folgerente angerechnet.


Arbeitnehmerkammer-Positionen:
 

Erwerbsminderungsrente in Bremen
Obwohl mehr als die Hälfte aller Anträge auf Erwerbsminderung abgelehnt werden, ist schon heute jede fünfte Rente eine sogenannte Erwerbsminderungsrente. Dabei ist das Problem mit der Abschaffung der gesetzlichen Berufsunfähigkeitsversicherung 2001 stetig gestiegen. Und mit der Rente ab 67 Jahren wird es sich weiter zuspitzen.

Die Situation für Menschen in Bremen ist besonders schlecht. Im kleinsten Bundesland werden die Bürgerinnen und Bürger im Durchschnitt sechs Monate früher erwerbsunfähig als in den anderen alten Bundesländern. Das hat eine Studie herausgefunden, die Rolf Müller vom Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen (SOCIUM) für die Arbeitnehmerkammer erstellt hat. Darin wurden die Risikofaktoren für Erwerbsminderung untersucht. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass vor allem Menschen mit geringem Bildungsgrad, im höheren Erwerbsalter und unter prekären Arbeitsbedingungen das Risiko tragen, von Erwerbsminderung betroffen zu werden. Beschäftigte in Berufen mit einer erhöhten Arbeitslosenquote müssen überproportional häufiger vorzeitig ausscheiden. Psychische Belastungen, körperlich schwere Arbeit und belastende Arbeitsbedingungen – all diese Faktoren wirken sich negativ auf die Gesundheit aus. Eigentlich sollte die  Erwerbsminderungsrente die Lücken im Einkommen füllen, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in vollem Umfang oder gar nicht mehr arbeiten kann. In 95 Prozent aller neu bewilligten Erwerbsminderungsrenten werden Abschläge fällig – nicht selten bis zum maximalen Satz von 10,8 Prozent. Seit Jahren sinkt daher auch in Bremen die durchschnittliche Höhe der Erwerbsminderungsrenten. Altersarmut droht.

Zwei Punkte müssen daher zusammengedacht werden und es besteht dringender Handlungsbedarf:

  • Es muss an den Ursachen angesetzt werden. Risiken in der Arbeit müssen durch Prävention, Arbeitsschutz und bessere Arbeitsbedingungen und bei Krankheit   durch frühzeitige und umfassende Rehabilitationsmaßnahmen reduziert werden.
  • Private Vorsorge ist oft zu teuer oder greift in vielen Fällen nicht, weil gerade die Risikogruppen nicht versichert werden. Gerade sie tragen ein zunehmend   höheres Armutsrisiko. Daher muss das Risiko der Erwerbsminderung im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung wieder besser abgesichert werden.
Carola Bury (Referentin für Gesundheitspolitik)

Weitere Informationen:
 

Informationen zur Berechnung der Erwerbsminderungsrente bekommen Sie bei Ihrer Rentenversicherung. Für die individuelle Berechnung stehen auch sogenannte Rentenrechner im Internet zur Verfügung: www.vdata.de/vdata-rechner/av_rente.jsp oder www.deutsche-rentenversicherung.de.

Die Arbeitnehmerkammer Bremen berät ihre Mitglieder kostenfrei in Rechtsfragen zu ihrem Arbeitsverhältnis – auch zum Thema Rente und Erwerbsminderung.
Kontakt: 0421·36301-0 (Bremen) und 0471·92235-0 (Bremerhaven).
Weitere Infos unter www.arbeitnehmerkammer.de/beratung.