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Über die Risiken und die erträgliche Gestaltung der Nachtarbeit

›Wir können die Natur nicht hintergehen‹

5. April 2016
von Meike Lorenzen (lor) und Janet Binder (bin)

Nachtarbeit und Schichtarbeit sind aus der Arbeitswelt nicht wegzudenken. Sind die Brötchen am Morgen nicht gebacken, können sie auch nicht verkauft werden. Verbrechen geschehen rund um die Uhr, was Polizeibeamte in den Dienst zwingt. Und Maschinen in der Produktion stehen aus wirtschaftlichen Gründen nachts nicht still. Studien haben gezeigt, dass sich mit dem Konkurrenzdruck am Markt die Produktionsprozesse stark an die Kundenbedürfnisse angepasst haben. Der Kunde ist König und will schnell beliefert werden. Vor diesem Hintergrund hat sich die Arbeit verdichtet und die Arbeitszeit stark flexibilisiert.

 

Ewald Wiesner
Van-Carrier-Fahrer: Arbeiten in luftiger Höhe

Zehn Meter – das ist die Höhe, in der Ewald  Wiesner arbeitet. Der 51-Jährige ist Fahrer eines Van Carriers im Bremerhavener Überseehafen. Mit seinem Portalhubwagen fährt er über einen Seecontainer und hebt ihn an. Die Stahlbehälter transportiert er für North Sea Terminal (NTB) zwischen Kaje, Stellplatz und Lastwagen oder Bahn. Bis zu 15 Container bewegt er pro Stunde.

Im Hafen wird im Dreischichtenbetrieb gearbeitet. So kommt es vor, dass Wiesner bis zu zehn Tage im Monat nachts arbeitet. In der Woche beginnt die Nachtschicht um 22.00 Uhr, am Wochenende bereits um 18.00 Uhr und endet um 6.00 Uhr. ›Ich habe damit keine Probleme‹, sagt der Hafenarbeiter. Wenn er nach der Schicht  nach Hause kommt, liest er noch Zeitung, um zur Ruhe zu kommen. ›Dann schlafe ich meine sechs Stunden‹, sagt er. Doch er weiß, dass nicht alle Kollegen die  Nachtschicht so gut wegstecken wie er. ›Es gab schon Kollegen, die kamen damit überhaupt nicht klar und sind in ihren ehemaligen Beruf zurückgekehrt.‹

Ewald Wiesner war früher auf dem Bau beschäftigt, vor 16 Jahren wechselte er zur Hafenarbeit. ›Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man mit Nachtschichten mehr  von der Familie hat‹, sagt er. Früher fing er um 7.00 Uhr an zu arbeiten und kam erst spät nach Hause, wenn viel los war. Dagegen war er während seiner  achtschichten im Hafen zu Hause und ausgeschlafen, wenn die Kinder aus der Schule kamen. Inzwischen sind die Kinder groß und er merkt, dass ihm die Nachtarbeit nicht mehr ganz so leicht fällt wie in jüngeren Jahren. Trotzdem will er damit weitermachen, auch wenn er mit 55 Jahren die Möglichkeit hätte, sich vom nächtlichen Einsatz befreien zu lassen.

Wach hält er sich mit reichlich Kaffee in den Pausen. Meistens werden in der Nacht weniger Container transportiert als am Tag. Trotzdem sind die Schichten anstrengender. ›Man muss sich mehr konzentrieren. Die Lichter spiegeln sich in den Scheiben der Fahrerkabine, die Reihen, durch die man fährt, sind dunkel‹, sagt Wiesner. ›Und dann kommt auch noch die Müdigkeit dazu.‹ Nach vier oder fünf Nächten Dienst ist er dann doch auch froh, wenn diese Schicht wieder vorbei ist.

Ausbildung: Hafenfacharbeiter, mehrwöchige interne Weiterbildung zum Van-Carrier-Fahrer
Verdienst: laut Tarif 24,58 Euro pro Stunde, dazu kommen Zuschläge für Nacht-, Sonntags- und Feiertagsarbeit. 


Doch gerade für Nachtarbeiter ist der Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz besonders wichtig. Denn der Schlafmangel macht krank, weiß Prof. Rainer Müller, Arbeitsmediziner und Gesundheitsexperte aus Bremen. Der Mensch brauche Ruhephasen, um sich zu regenerieren. ›Wir können die Natur nicht hintergehen. Auch wenn  der Versuch, durch Naturwissenschaft und Technik Einfluss zu nehmen, schon auf starkem Vormarsch ist‹, erklärt Müller.

Jede Zelle des Körpers habe ihren Rhythmus. ›Über einen Dirigenten im Gehirn werden sie in einen synchronen Takt gebracht‹, erläutert Müller. ›Dieser Tag-Nacht-Rhythmus wird durch Licht über die Augen gesteuert.‹ Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Jetlags. Wenn sich der Körper aufgrund der neuen Lichtverhältnisse in einer anderen Zeitzone neu justieren muss, dauert diese Umstellung oft einige Tage – begleitet von Müdigkeit und Unkonzentriertheit.

 Heike Sackmann
Hauptnachtwache



Das Licht ist künstlich, die Luft trocken und überall riecht es ein wenig nach Desinfektionsmittel. Hier im St. Joseph-Stift fühlt sich Heike Sackmann (46) zu Hause. Seit über 15 Jahren arbeitet sie im Krankenhaus an der Schwachhauser Heerstraße. 60 Stunden absolviert sie im Monat – ausschließlich nachts, wenn die Kinder im Bett sind.

Derzeit ist die vierfache Mutter mit dem herzlichen Lachen die sogenannte Hauptnachtwache im Krankenhaus, Mädchen für alles für alle Stationen. ›Ich habe immer  ein Telefon dabei, damit mich die Kollegen im Haus jederzeit erreichen können‹, sagt sie. Um 20 Uhr beginnt ihre Schicht mit dem Rundgang durch die Klinik. Zehn Stunden Dienst liegen vor ihr.

Mit dem Fahrstuhl fährt sie in den siebten Stock und begrüßt die Kollegen des Schlaflabors, die hinter Computern sitzen und die Körperfunktionen ihrer Patienten am  Monitor überwachen. ›Ich bin da‹, sagt sie dann mit einem breiten Lächeln. Viele werden mit einer Umarmung begrüßt. Die Stimmung ist gut. Die Nachtschichtler  freuen sich, dass Heike Sackmann sie unterstützt. Auf einigen Stationen betreut eine Schwester 39 Betten.

So läuft sie alle Abteilungen und die beiden Bettenhäuser ab – vom Schlaflabor, über die Augenklinik, die Geburtsstation, das Darmkrebszentrum, die Innere Medizin und alle anderen Stationen. Auf dem Weg kontrolliert sie die Fluchtwege, überprüft, ob die wichtigen Türen geschlossen sind, sammelt Rollstühle ein und bringt sie in die Notaufnahme.

›Die meiste Zeit verbringe ich auf den Stationen‹, sagt sie. Dort sei nachts für sie mit Abstand am meisten zu tun. ›Hier versorge ich Wunden und lagere ältere oder frisch operierte Patienten in ihren Betten‹, erzählt Heike Sackmann. Auch die Verlegung der Patienten von der Notaufnahme auf die entsprechende Station übernimmt sie. Mehrfach in der Woche unterstützt sie die Station, wenn eine Schwester oder ein Pfleger Menschen am Sterbebett betreuen. ›Wir wollen niemanden alleine  sterben lassen. Das ist uns sehr wichtig‹, sagt die Hauptnachtwache. Ist ein Patient verstorben, wird eine Kerze angezündet und das Fenster geöffnet. Erst dann wird der Verstorbene in die Prosektur gebracht. Auch hierbei hilft Heike Sackmann.

Zwischen 2 und 4 Uhr in der Früh überfällt sie oft die Müdigkeit. ›Das passiert jedem. Dann suche ich mir Arbeit‹, sagt sie. ›Und wenn es Aufräumarbeiten sind.‹ Nur nicht stillstehen, die Augen offen halten. Schlafen ist während der Nachtschicht nicht gestattet.

Allerdings gebe es nur noch selten Momente der Langeweile. ›Das Krankenhaus ist ein 24-Stunden-Betrieb. Es wird ja sogar bis spät in den Abend hinein operiert.‹ Laut Tarifvertrag der Caritas stehen ihr während ihrer Schicht 45 Minuten Pause zu. ›Natürlich fallen die auch einmal weg. Notfälle lassen sich nicht planen‹, sagt sie. ›Aber das weiß man als Krankenschwester. Für diesen Beruf muss man geboren sein.‹

Insgesamt wird sie in dieser Nacht dreimal alle Stationen ablaufen – immer wieder unterbrochen vom Klingeln des Telefons. Dann ist sie gefragt und flitzt zum nächsten Patienten. Ehe sie wieder im sechsten Stock ankommt und fragt: ›Ist alles okay? Meldet euch, wenn was ist!‹

Ausbildung:
examinierte Krankenschwester
Gehalt:
etwa 1.000 Euro netto bei 60 Monatsstunden (nach
29 Berufsjahren, Führungsposition plus Zuschläge für vier Kinder
und die Nachtarbeit, Steuerklasse 5).


›Bei Nachtarbeit kommt es nicht zur Umstellung der Lage des Rhythmus, sondern höchstens zu einem Anstoßen mit Schlafstörungen und Unwohlsein‹, sagt Rainer Müller. Chronische Ermüdung bis hin zu Erschöpfung mit Leistungsmängeln seien die Regel, das Unfallrisiko erhöhe sich. Auch Appetitlosigkeit oder Gewichtszunahme, Magenbeschwerden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, beeinflusst durch erhöhtes Rauchverhalten, können die Folge sein. ›Längerfristig können sich sogar  psychosomatische Erkrankungen einstellen‹, so Müller. 

Die sogenannte ›innere Uhr‹ lässt sich also nur begrenzt verstellen. Der Mensch kann Forschungsergebnissen zufolge seinen Tag maximal drei Stunden ›verkürzen‹ beziehungsweise ›verlängern‹. Grund dafür ist der Abfall des Hormons Melatonin im Körper. Dies kann nur im Schlaf nachgebildet werden. ›Mangelt es an dem sogenannten Schlaf-Hormon, so steigt das Krebsrisiko‹, sagt der Wissenschaftler. Zusätzlich seien Nachtarbeiter oft stark vom sozialen Leben abgekoppelt. ›Das ist eine  Situation, mit der nur einige Menschen klarkommen‹, betont Prof. Müller.

Daher seien Erholungsphasen am Tag und ausreichend Schlafzeiten in der Nacht für Leistungsfähigkeit, Gesundheit und soziales Wohlbefinden unbedingt notwendig.

Andreas Lucht
Der Zeitungszusteller: Bei jeden Wetter auf Tour



Wie wird das Wetter? Das ist eine der wichtigsten Fragen im Leben von Andreas Lucht. Der 48-Jährige ist seit über 25 Jahren Zeitungszusteller bei der Bremer Tageszeitungen AG (BTAG). Sechs Tage die Woche startet sein Arbeitstag um 2 Uhr nachts – ob es stürmt, aus Kübeln schüttet oder er wegen Glatteis mit seinem Fahrrad kaum vorwärtskommt. Auf das Wetter während seiner Arbeitszeit will er vorbereitet sein; gedanklich und mit der richtigen Kleidung. Deshalb informiert er sich mehrmals täglich im Internet über das Wetter in der Nacht, auch der Regenradar in Echtzeit ist ihm eine gute Hilfe. ›Ich gehe nicht aus dem Haus, ohne auf die Regen-App zu gucken‹, sagt Andreas Lucht.

Er ist einer der wenigen Zeitungszusteller, die von ihrem Job leben. ›Die meisten Kollegen machen das als Minijob‹, sagt Lucht. Rund 480 Zeitungen steckt er täglich in Findorff in Briefkästen. Spätestens um 6.30 Uhr ist er damit fertig. Das nächtliche Arbeiten fällt ihm leicht. ›Das wäre vielleicht anders, wenn ich Schichtdienst und einen ständigen Wechsel hätte‹, sagt er. So aber steht er jede Nacht um 1.30 Uhr auf – für Andreas Lucht Routine. Er liebt es, nachts allein seine 20 Kilometer lange Strecke mit dem Fahrrad zu fahren. ›Ich hab da meine Freiheit‹, sagt er. Lucht begeistert sich für Musik. Früher nahm er sich Musiksendungen auf Kassette auf und hörte sie dann nachts beim Arbeiten. Heute hört er Podcasts auf seinem MP3-Player. ›Das Verteilen der Zeitungen geht ja automatisch.‹

Durch die gewohnten Abläufe habe er auch viel Zeit zum Nachdenken. ›Wenn ich ein Problem habe, hebe ich es mir für nachts auf‹, sagt der Vater einer neunjährigen Tochter. ›Wenn ich in der ersten Nacht keine Lösung finde, dann bestimmt in der zweiten.‹ Für ihn ist das Zeitungszustellen so etwas wie ein Traumjob – wenn nicht die Bezahlung im Laufe der Jahre immer schlechter geworden wäre. Schon als 16-jähriger Schüler trug er Gratis-Zeitungen aus; als Student der  Wirtschafts- und Politikwissenschaften fing er an, fest für die BTAG zu arbeiten. ›Damals war es ein begehrter Job‹, erinnert er sich. ›Man wurde richtig gut bezahlt.‹ Deshalb hatte er auch nach Abschluss seines Studiums keine Motivation, sich um einen anderen Job zu kümmern.

Doch dann kam die Zeitungskrise, die Zahl der Abonnenten sank dramatisch, der Verdienst ebenfalls. Seit dem 1. Januar 2015 gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro – wegen einer Ausnahmeregelung aber nicht für Zeitungszusteller. Für sie gibt es den Stundenlohn erst ab 2017. ›Für das Geld und die Bedingungen macht das kaum noch einer‹, sagt Lucht.

Ausbildung:
keine
Verdienst:
zurzeit 7,23 Euro pro Stunde oder Stücklohn (wenn dieser höher ausfällt).


Zahlen, Daten, Fakten:
 

60 Prozent der Bevölkerung brauchen zwischen 7,5 und 8,5 Stunden Schlaf pro Nacht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schliefen die Deutschen noch acht bis neun Stunden am Tag. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung leiden am sogenannten ›sozialen Jetlag‹ – das bedeutet, dass sie an Arbeitstagen deutlich weniger schlafen als an Wochenenden. Sie ignorieren also an Arbeitstagen ihren persönlichen Schlafrhythmus. Laut einer Studie des Allensbach-Instituts unter 519 Führungskräften schlafen 30 Prozent der Spitzenpolitiker weniger als fünf Stunden pro Nacht. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin hat für Deutschland einen jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden von knapp 30 Milliarden Euro infolge von Unproduktivität durch Schlafstörungen errechnet. Das entspricht etwa einem Prozent des Bruttoinlandprodukts.

Weitere Informationen:
 

Instrumente zur erträglichen Umsetzung von Nachtarbeit über Zuschläge und Entlohnung hinaus
Nach Michael Kundi, Institut für Umwelthygiene, Universität Wien


Schichtpläne entsprechend gestalten
  • Gesamtzahl der Nachtschichten so gering wie möglich halten.
  • Notwendige Nachtarbeit gleichmäßig auf die Arbeitnehmer verteilen.
  • Möglichst nicht mehr als drei Nachtschichten hintereinander pro Arbeitnehmer einplanen.
  • Nachtschichten sollten nicht nach 23 Uhr beginnen.
  • Die freien Tage sollten aus sozialen Gründen einen Tag am Wochenende enthalten.
  • Schichtpläne sollten vorwärts rotieren (›Früh, Spät, Nacht‹ statt ›Nacht, Spät, Früh‹).

Pausen und Ruhezeiten ermöglichen
  • Nach einer Sequenz von Nachtschichten sollte eine Ruhezeit von mindestens 36 (möglichst 48 Stunden) eingeplant werden.
  • Die Arbeitsruhe zwischen zwei Schichten, die sich um mindestens sechs Stunden in der Startzeit unterscheiden, sollte mindestens 18 (möglichst 24) Stunden betragen.
  • Tätigkeiten mit erhöhtem Unfallrisiko sollten eine Schicht von acht Stunden nicht überschreiten. Wenig belastende Tätigkeiten können auch zwölf Stunden betragen – sofern entsprechende Pausenzeiten eingehalten werden und entsprechende Räumlichkeiten für eine angemessene Pause zur Verfügung stehen.

Regelmäßig Kuren und Reha ermöglichen