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5. Januar 2016
von Meike Lorenzen (Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Wenn Regina Bonne (53) die Regale der Elektroabteilung im Real-Markt in der Duckwitzstraße umräumt, würdigen sie die Kunden nur selten eines Blickes. Brauchen sie doch Hilfe, fragen sie oft patzig in ihren Rücken, wollen die schnelle Antwort. ›Die Leute haben keine Zeit mehr‹, sagt Bonne. Es sei selten, dass ihr jemand für eine Auskunft danke. Im Gegenteil werden ihre Beratung oft angezweifelt. ›Ist auch ein männlicher Kollege im Haus?‹, heißt es dann. In ihren über 30 Arbeitsjahren habe sich der Umgangston gegenüber ihr als Verkäuferin stark verändert.


Susanne Meister (links), Betriebsratsvorsitzende, und Regina Bonne, Verkäuferin, arbeiten im Real-Markt in der Duckwitzstraße.

 
Im Land Bremen sind gut 28.000 Menschen im Einzelhandel tätig. 70 Prozent von ihnen sind weiblich. Regina Bonne ist eine der wenigen Frauen im Markt, die als Vollzeitkraft beschäftigt ist. Fünf Tage in der Woche arbeitet sie zwischen 7.30 und 16 Uhr. Sie hat Glück, andere Kollegen arbeiten im Schichtsystem bis 22 Uhr in den Abend hinein. Einen Samstag im Monat haben Regina Bonne und ihre Kollegen frei, wenn niemand krank wird oder jemand in Urlaubszeiten einspringen muss.

Für ihre Arbeit bekommt Regina Bonne 1.500 Euro netto. ›Da ich alleine bin, kann ich Vollzeit arbeiten‹, sagt sie. ›Außerdem habe ich noch einen Tarifvertrag.‹ Im Juni ist Real aus der Tarifbindung ausgestiegen. Die Gewerkschaft ver.di hat am Beispiel einer seit sechs Jahren im Unternehmen beschäftigten Person vorgerechnet, dass damit binnen 21 Monaten fast 2.000 Euro des Bruttogehalts wegfallen.

Mit der Tarifflucht ist das Unternehmen nicht alleine. Die ganze Branche krankt an sinkenden Gehältern. Das Einstiegsgehalt einer Verkäuferin liegt laut einer Studie der Arbeitnehmerkammer Bremen zum Strukturwandel im Land in den tarifgebundenen Betrieben bei einer Vollzeitstelle knapp über 1.500 Euro brutto.

Nur noch jede vierte Frau im Einzelhandel könne danach von ihrem Verdienst leben.

›Minijobs, Teilzeit und Werkverträge verdrängen existenzsichernde Arbeitsplätze‹, sagt Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. ›Dadurch können die Unternehmer flexibler auf den wachsenden Konkurrenzdruck am Markt reagieren‹, weiß auch Susanne Meister, Betriebsratsvorsitzende
im Real-Markt an der Duckwitzstraße. Und für viele Frauen, die ihre Kinder betreuen oder Angehörige pflegen, sei eine Teilzeitbeschäftigung für den Moment oft attraktiver. ›Doch beim Blick auf die Rentenabrechnung wird dann deutlich, dass viele Verkäuferinnen in Altersarmut landen werden‹, so Meister. Ausgelöst wurde der Wandel in der Branche durch verschiedene Faktoren. Ein Punkt sind zum Beispiel die erweiterten Ladenöffnungszeiten. Zudem wächst der Druck durch den Online-Handel, der mittlerweile bundesweit neun Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht.

›Die Wertschätzung für unseren Beruf ist nicht sehr hoch‹, sagt Regina Bonne. ›Das geht doch schon mit der immer schlechteren Ausbildung los. Wer eine Ausbildung im  Supermarkt macht, ist eher ein besserer Packer als ein Verkäufer.‹ Dennoch liebt sie ihren Job und hofft, dass sich die Wahrnehmung auf ihn eines Tages wieder verbessern wird.

Betriebsrätin Susanne Meister ist da optimistisch. ›Wir werden künftig wieder mehr beraten müssen – und damit werden wir für die Kunden wieder stärker zu Partnern‹, glaubt sie. ›Eltern wollen heutzutage wissen, woher ihr Fleisch kommt oder wie bestimmte Lebensmittel produziert wurden, die sie ihren Kindern zu essen geben.‹ Auch der Beratungsbedarf bei den Elektrogeräten sei enorm angewachsen. ›Das ist eine echte Chance für den Einzelhandel – wenn die Leistung angemessen entlohnt wird‹, sagt Meister.



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