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Warum Frauen immer noch weniger verdienen

5. Januar 2016
von Meike Lorenzen (Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Dass Männer in der Bundesrepublik besser bezahlt werden als Frauen, ist nicht neu. Doch woran liegt es, dass sich an der finanziellen Schlechterstellung von Frauen nichts ändert? Über die Probleme eines scheinbar festgefahrenen Systems.

Jennifer Lawrence hat Klartext geredet. Durch ein Internet-Leck bei der Produktionsfirma Sony Pictures erfuhr die US-Schauspielerin, dass ihre männlichen Co-Stars im Blockbuster ›American Hustle‹ deutlich mehr verdient hatten als sie selbst. Sie habe in den Gehaltsverhandlungen nicht als ›schwierig‹ gelten wollen, schrieb sie in einem öffentlichen Statement. Damit sei künftig Schluss. ›Ich glaube nicht, dass ein Mann darüber grübelt, welchen Standpunkt er wählen sollte, um gehört zu werden. Er wird einfach gehört‹, so Lawrence.

So weit weg die Gehälter der Hollywood-Stars von Bremen sind, wenn es um die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen geht, haben viele Hanseatinnen etwas mit der Schauspielerin gemein: Sie verdienen trotz gleicher Ausbildung und Tätigkeit oft deutlich weniger als ihre Kollegen. Die Zahlen sind konstant, seit 2006 hat sich das Gehaltsgefälle kaum verändert. Unter den abhängig Beschäftigten haben laut Statistischem Bundesamt (Destatis) Männer im Jahr 2014 etwa 22 Prozent mehr verdient als Frauen – eine Zahl, die jedes Jahr zum Equal Pay Day weltweit bemängelt wird. Bezogen wird sie auf den durchschnittlichen Bruttostundenlohn. Beschäftigte in der  Landwirtschaft, der öffentlichen Verwaltung sowie in Betrieben mit bis zu zehn Beschäftigten werden nicht berücksichtigt. Grund für die starke Differenz ist unter  anderem, dass Frauen öfter in Teilzeit arbeiten. Doch auch bei exakt gleicher Arbeit bleibt ein Lohnabstand zu den Männern von sieben Prozent bestehen. Betroffen sind  Frauen aller Branchen – vom Sekretariat bis zum Management.


Zur strategischen Abwertung von Frauenberufen
Zudem werden klassische Frauenberufe inzwischen per se finanziell schlechter entlohnt. ›Wir können festhalten, dass sich der Frauenanteil in einem Beruf negativ auf  das dort vorherrschende Lohnniveau auswirkt‹, sagt Sarah Lillemeier, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen. Sie erforscht die Frage, ob  Frauenberufe strategisch abgewertet werden. Konkret: Gibt es eine Systematik dahinter, dass Arzthelferinnen, Einzelhändlerinnen, Personal aus der Hotellerie und  astronomie oder Fachangestellte in Sekretariaten besonders schlecht bezahlt werden?

Einige Indizien sprechen dafür, allem voran die festgefahrenen Verfahren, die die Lohnstrukturen in einem Großteil der deutschen Unternehmen und Einrichtungen vorgeben. ›Wesentliche Faktoren für die Eingruppierung sind in der Regel Qualifikation und Verantwortung‹, sagt Sarah Lillemeier. ›Psychosoziale Anforderungen und Belastungen spielen häufig keine Rolle, obwohl diese gerade in den weiblich dominierten Berufen eine der größten Herausforderungen darstellen.‹ Konkret: Wer ein  Studium absolviert hat und Personal führen muss, bekommt mehr Geld als jemand, der Tag für Tag für das gleiche Unternehmen mit Schwerstbehinderten oder alten  Menschen arbeitet. Wie belastend die jeweilige Tätigkeit ist, spiegelt sich auf dem Lohnscheck nicht wider.

 


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›Die traditionellen Verfahren der Arbeitsbewertung müssen modernisiert und geschlechtsneutral ausgestaltet werden, um den aktuellen Arbeitsbedingungen und Arbeitsmarktstrukturen gerecht zu werden‹, sagt Lillemeier. 

Was sie fordert, entspricht letztlich dem Gesetz der Entgeltgleichheit. Dieses ist bereits seit 1957 Teil des EG-Vertrages, allerdings nicht rechtsverbindlich. Neben dem  Lohn behandelt es weitere Aspekte wie zum Beispiel den Zugang zu Beschäftigung, berufliche Aufstiegsmöglichkeiten und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.  Gerade Letzteres ist für viele Frauen immer noch eine große Hürde, um zumindest bei der Arbeitszeit mit den Männern statistisch gleichzuziehen. 


Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Etwa 90 Prozent der Mütter nehmen laut Elterngeldstatistik zehn bis zwölf Monate Elternzeit, während knapp 80 Prozent der Männer zwei Monate beantragten. Außerdem  sind 70 Prozent der erwerbstätigen deutschen Mütter in Teilzeit oder als Minijobberin beschäftigt. ›Frauen übernehmen auch heute noch zum Großteil den Haushalt und  die Kindererziehung‹, sagt Esther Schröder, Gleichstellungsexpertin bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Sobald Frauen ein Kind bekommen, scheiden sie aus dem  Arbeitsleben aus und kehren nicht als Vollzeitbeschäftigte zurück.

›Es hat sich einiges getan, dennoch fehlt es noch immer an einer ausreichenden und qualitativ akzeptablen Betreuung, insbesondere der Kinder im Vorschulalter‹, sagt  Sarah Lillemeier. ›Diese Vereinbarkeitsproblematik trifft weiterhin insbesondere die Frauen, die ihre Erwerbstätigkeit deshalb unterbrechen beziehungsweise reduzieren  müssen, mit den entsprechenden Folgen für ihr eigenes Einkommen.‹ Solange Frauen eher schlechter verdienen als Männer, werden sie schon aus finanziellen Gründen auch künftig eher zu Hause bleiben. Eine bessere und vor allem kostengünstige Kinderbetreuung ist für Frauen also wesentlich, um in Vollzeit arbeiten zu können. Das  gilt besonders für Frauen, die wenig Einkommen haben und genau durchrechnen, ob sich die Rückkehr in eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit überhaupt lohnt.

Pflegefall in der Familie
Auch wenn Angehörige pflegebedürftig werden, sind es oft die Frauen, die zu Hause bleiben. Das deutsche System baut darauf, dass Familienmitglieder oder andere sich  ehrenamtlich engagieren und so die Betreuung von Angehörigen gewährleisten. An zweiter Stelle kommen private Dienstleister zum Einsatz. Unterstützt werden Familien  nur durch Teilfinanzierungen des Staates. Die Leipziger Trainerin Cornelia Heintze prangert seit Jahren in ihren Vorträgen zum Pflegesystem diesen Missstand an. Sie zieht zum Vergleich gerne das System in den skandinavischen Ländern heran, wo sich an erster Stelle kommunale Dienste um die Betreuung von Betroffenen kümmern.  Erst an zweiter Stelle unterstützen Angehörige und Dienstleister. In Skandinavien sei das Ehrenamt das Sahnehäubchen, trage aber nicht das System, sagt  sie. Auch das habe mit der Wertschätzung von vermeintlichen Frauentätigkeiten zu tun.

Gegen Stereotype angehen
Unterm Strich zeigt sich, dass einfach mehr fordern – wie es Schauspielerin Jennifer Lawrence in ihren Gehaltsverhandlungen künftig tun will – nicht ausreicht. In einer  Gesellschaft, in der sich laut wissenschaftlichen Erhebungen, seit 30 Jahren nichts an der Berufswahl von Frauen ändert, ist Engagement auf allen Ebenen gefragt – vom  Einzelnen, vom Staat und auch von den Arbeitgebern. ›Letztlich müssen wir über Jahrhunderte verhärtete Geschlechterstereotype aufbrechen‹, sagt Lillemeier. ›Darin  inbegriffene Statusannahmen sorgen dafür, dass Berufe, die in der Mehrzahl von Frauen ausgeübt werden, geringer bewertet und bezahlt werden. Ganz nach dem Motto Frauenarbeit ist leichte Arbeit.‹



Aktuelles:
 

Zu diesem Thema lädt die Arbeitnehmerkammer Bremen ein zu der Veranstaltung ›Aufwertung von Frauenberufen‹ am Donnerstag, 21. Januar, 10 bis 16 Uhr, in den Kultursaal, Bürgerstraße 1, 28195 Bremen. Vertreterinnen unterschiedlicher klassischer Frauenberufe kommen dann ebenso zu Wort wie Vertreter aus Gewerkschaft und Wissenschaft, unter anderem Sarah Lillemeier und Cornelia Heintze.