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5. Januar 2016
Fragen: Meike Lorenzen (Referentin für Öffentlichkeitsarbeit)


MARTINA NOWAK (43), gelernte Krankenschwester

Wie sieht der Berufsalltag aus?
Für die individuelle Schwerstbehindertenbetreuung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) organisiere ich die Versorgung von 16 Patienten. Die Klienten werden rund um die Uhr betreut. Im Jahr fallen etwa 55.000 Stunden an, die unter 80 Assistenten aufgeteilt werden.

Was ist die größte Herausforderung im Beruf?
Die Schichten müssen besetzt sein. Wird jemand krank, brauchen wir einen Ersatz. Dass ein Patient unbetreut bleibt, ist keine Option. Es ist hart, die Mitarbeiter zu überreden, ihren freien Tag aufzugeben.

Wie viel verdienen Sie?
Nach der Geburt der Kinder habe ich über zehn Jahre als 630-DM-Kraft in der Hauspflege gearbeitet. Anfangs für sechs Stunden in der Woche, meist am Wochenende oder am Abend, wenn mein Mann zu Hause war. Damals gab es noch keinen Anspruch auf einen Krippenplatz, eine Tagesmutter konnten wir uns nicht leisten. Alle vier bis sechs Wochen hatte ich Rufbereitschaft. Sobald jemand krank wurde, musste ich einspringen. Die Stunden, in denen ich draußen war, wurden voll entlohnt. Für die restliche Zeit habe ich 25 Prozent des Gehalts bekommen. Im Februar 2013 bin ich ins Büro gewechselt. Hier arbeite ich 25 Stunden in der Woche und verdiene 1.991,71 Euro brutto. Ursprünglich war das Gehalt geringer. Auf einer ver.di-Veranstaltung habe ich erfahren, dass es unter den üblichen Löhnen liegt. Das habe ich bei der Geschäftsführung angesprochen und eine Gehaltserhöhung bekommen. Allerdings sind erst vor Kurzem meine Stunden von 30 auf 25 reduziert worden.

Ist das Gehalt gerecht?
Es ist seltsam, dass Bürojobs, bei denen es nicht um Leben und Tod geht, mit über 3.000 Euro brutto entlohnt werden. Wenn wir mehr Geld fordern, heißt es immer: ›Das ist nicht refinanzierbar.‹ Aber darf das ein Argument sein? Für andere Dinge sind doch auch öffentliche Gelder da.

Wie könnte das System gerechter werden?
Der psychische Druck in der Pflegebranche insgesamt ist sehr hoch. Ich weiß noch aus meiner Zeit in der häuslichen Pflege, wie flexibel man sein, an freien Tagen doch zum Dienst erscheinen oder Überstunden in Kauf nehmen muss. Das ist bei der Arbeit mit Menschen alternativlos. Ich persönlich fände es toll, wenn es ein allgemein verbindliches Instrument gäbe, um diese Flexibilität wirklich zu würdigen – vor allem finanziell.




CORNELIA BRAEUTIGAM (63), staatlich anerkannte Erzieherin

Wie sieht der Berufsalltag aus?
Ich bin seit 41 Jahren in Vollzeit beschäftigt. Angestellt bin ich bei Kita Bremen. Mein Arbeitsplatz ist in einer Kita, dort arbeite ich im Hort mit Schulkindern im Alter von sechs bis zehn Jahren. Die Kinder kommen nach der Schule zu mir in den Hort und werden von mir betreut, bis sie nach Hause gehen. Außerdem bin ich noch im Elementarbereich als Sprachförderin tätig.

Was ist die größte Herausforderung im Beruf?
Die Alltagssituationen, die jeden Tag anders sind, zu meistern und der Versuch, es jedem recht zu machen. Der Lärmpegel ist belastend. Außerdem ist es den Erziehern bisher kaum möglich, Pausen zu machen, da es keine geeigneten Räumlichkeiten gibt. Einen Internetzugang haben wir nicht und teilweise sind nicht mal geeignete Stühle für Erwachsene in den Gruppenräumen vorhanden. Auch an den sanitären Einrichtungen hapert es. Getrennte Damen- und Herrentoiletten so wie ein Besucher-WC sind nicht vorhanden. Die Gruppen mit 20 Kindern sind viel zu groß, um auf die individuellen Bedürfnisse und Belange der Kinder eingehen zu können.

Wie viel verdienen Sie?
Ich bin seit über 41 Jahren im öffentlichen Dienst beschäftigt und werde nach Tarif bezahlt. Netto liegt das Gehalt derzeit bei etwa 1.950 Euro im Monat. 

Ist das Gehalt gerecht?
Verglichen mit einem Facharbeiter in der Industrie ist es zu wenig. Man muss sich fragen, warum eine Person, die Sachgegenstände herstellt und eine dreijährige Ausbildung gemacht hat, mehr verdient, als jemand, der durch eine fünfjährige Ausbildung gegangen ist und Kinder bei der Bildung, Förderung und Erziehung begleitet. Auch mit Blick auf das, was nach der Rente vom Gehalt übrig bleibt, ist das Gehalt viel zu gering. Dass viele junge Kollegen in Teilzeit arbeiten, wird sie im Alter einholen. Doch unter den aktuellen Bedingungen voll zu arbeiten, ist für viele – vor allem, wenn sie selbst Familie haben – eine große Herausforderung.

Wie könnte das System gerechter werden?
Wir brauchen bessere Rahmen- und Arbeitsbedingungen, bessere Bezahlung, um unseren Beruf aufzuwerten. Unter den aktuellen Bedingungen ist es schwierig, Nachwuchs zu bekommen. Vor allem für Männer ist der Beruf aufgrund der Bezahlung nicht so interessant. Dabei wäre das Geld bei den Behörden durchaus da – es müsste anders verteilt werden. Das ist letztlich eine Frage der Prioritätensetzung.  


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