
Erfahrungen von Männern in Frauenberufen
31. März 2011
Fragen: Dr. Christiane Koch (Referentin für Arbeitsmarktpolitik)
Über Frauen in Männerberufen wird seit Langem diskutiert. Wie aber geht es Männern in Frauenberufen? Anlässlich des ersten organisierten Boys' Day hat die BAM einen Bremer Kita-Erzieher und einen Grundschullehrer nach ihrer Berufsentscheidung und nach ihren Erfahrungen gefragt.
DANIEL FRÖMBGEN,
Stellvertretender Leiter
des Kinder- und Familienzentrums Roter Sand
BAM: Herr Frömbgen, Frauen suchen sich überwiegend Frauenberufe aus, aber Männer eben auch vorwiegend Männerberufe. Was hat Sie denn in die Kita verschlagen?
Frömbgen: Das begann im Zivildienst nach dem Abitur. Ich war in einer Integrationseinrichtung, habe 15 Monate lang ein Kind mit Downsyndrom betreut. Eigentlich wollte ich Journalist werden. Aber nach dem Zivildienst habe ich festgestellt, dass man das nicht so einfach wird und dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht. Ich habe angefangen, Behindertenpädagogik zu studieren. Statt das Studium zu beenden, hab ich mich entschieden, die Erzieherausbildung zu machen und als Hort-Gruppenleiter gearbeitet. Im zarten Alter von 32 habe ich dann doch noch mal Kindheitswissenschaften studiert und nebenbei weiter in der Einrichtung gearbeitet. Mit dem Abschluss habe ich dann hier in der Kita angefangen.
BAM: Welche Funktion haben Sie jetzt hier?
Frömbgen: Ich bin stellvertretender Kitaleiter.
BAM: Sind Leitungsfunktionen nicht typisch für Männer in Frauendomänen?
Frömbgen: Sicher war der akademische Abschluss eine wesentliche Komponente, dass mir diese Aufgabe angetragen wurde. Es ist tatsächlich auffällig, dass viele der wenigen Männer in unserer ›Branche‹ früher oder später in Leitungspositionen landen. Soll heißen, wenn man schon auf einen der wenigen Männer trifft, die in Kindergärten arbeiten, dann ist es nicht selten die Einrichtungsleitung. Das Berufsfeld ist also offensichtlich für viele Männer ›nur‹ in dieser Position attraktiv. Das mag etwas mit Status und Bezahlung zu tun haben, vielleicht aber auch mit der häufigen Teilzeittätigkeit von Erzieherinnen, die für Männer eher nicht erstrebenswert ist.
BAM: Würden Sie als Vater Elternzeit nehmen?
Frömbgen: Absolut! Die Ideallösung wäre natürlich die schwedische Variante, da hat das einen ganz anderen gesellschaftlichen Status. Wenn Sie in Schweden zu ihrem Chef sagen: ›Ich muss heute eine halbe Stunde eher los, weil ich mein Kind vom Kindergarten abholen muss‹, dann scheucht der dich raus. Hier heißt es: ›Das ist aber das letzte Mal! Sehen Sie zu, dass Sie es anders hinkriegen.‹
BAM: Haben Sie denn den Eindruck, dass Sie ein Exot sind?
Frömbgen: Für die Kolleginnen kann ich es nicht einschätzen. Für die Eltern ja, für die Kinder teilweise. Ich habe immer eine Schar um mich herum. Das hat auch damit zu tun, dass Kinder heutzutage überwiegend auf ein weibliches Rollenvorbild treffen, bei den meisten Alleinerziehenden zu Hause, im Kindergarten, in der Grundschule. Was man sich ansonsten an männlichen Rollenvorbildern holen kann, das ist diese heroisierte Figur aus dem Zeichentrickfilm, die alles schafft, alles kann, besonders stark und mutig ist, das klassische Männerbild widerspiegelt. Zu mir als männlichem Erzieher können sie einen anderen Zugang bekommen, können mit mir eher in so physische Sachen gehen, sich mal balgen, ein bisschen schubsen, womit sie woanders eher an eine Grenze stoßen. Die Eltern sehen mich, glaube ich, ein bisschen als Exoten. Vor allem Väter haben einen anderen Zugang zu mir. Mit mir können sie zwischen Tür und Angel mal einen kleinen Schnack halten - auf der Kumpelebene, was sie bei den Kolleginnen nicht machen würden.
JÖRN FRANKENFELD,
Lehrer an der Grundschule am Pulverberg
BAM: Herr Frankenfeld, männliche Grundschullehrer gibt es wenige. Wieso waren Sie so sicher, dass Sie genau das werden wollten?
Frankenfeld: Ich habe nach dem Abitur ein Informatikstudium begonnen, dann im Zivildienst mit Jugend- und Kindergruppen gearbeitet. Da wurde mir klar, dass ich mit Kindern kann, auch mit den Kleinen. Ich bin jetzt seit fast zwölf Jahren Lehrkraft und ich komme jeden Morgen gerne hierher. Das ist doch unglaublich.
BAM: Sie haben zwei Kinder. Haben Sie da immer Vollzeit gearbeitet?
Frankenfeld: Ja, das habe ich. Meine Frau ist Erzieherin, sie verdient einfach weniger als ich. Ich hätte gerne mal ein Erziehungsjahr gemacht, aber das wäre finanziell nicht gegangen. Jetzt ist das Elterngeld ja höher, da wäre das schon eher möglich.
BAM: Wenn man Grundschullehrer wird, gibt es da Entwicklungsmöglichkeiten?
Frankenfeld: Das kommt darauf an. Ich bin auch im Zentrum für Medien tätig, berate Kollegen im medienpädagogischen Einsatz. Vielleicht ergeben sich hier mal Möglichkeiten. Sicherlich könnte ich auch in die Schulleitung reinrutschen, das hatte ich auch schon mal überlegt. Aber dann ist meine Tochter geboren worden und da kommt die zeitlich doch intensivere Schulleitung für mich, solange sie noch so klein ist, nicht in Frage. Später vielleicht mal.
BAM: Noch mal zurück zur Exotenrolle. Arbeiten Sie anders als Ihre Kolleginnen?
Frankenfeld: Jungs sind einfach anders als Mädchen. Und das hat eine Frau ja nie erfahren, wie ein Junge denkt und fühlt und was der braucht. Die Jungs kommen morgens in die Klasse, da ist Energie drin. Mädchen sitzen und malen und unterhalten sich. Und Jungs wollen am besten erst mal Kräfte messen. Ich hab manchmal das Gefühl, dass Jungs falsch beschult werden. Sie führen zum Beispiel keine Mappen ordentlich! Natürlich muss man auch sie zu Ordnungssinn erziehen, damit sie eine Struktur finden. Nach herkömmlicher Sicht besteht das darin, dass sie ihre Zettel immer ordentlich wegheften. Aber es gibt andere Ordnungsmöglichkeiten. Ich zum Beispiel werfe alles in Hängeregister, das ist für mich super. Das ist zwar unsortiert, aber für mich eine großartige Sache.
BAM: Das heißt, dass man mit den unterschiedlichen Verhaltensweisen von Frauen und Männern im Studium, im Beruf deutlich aktiver umgehen muss.
Frankenfeld: Und deswegen glaube ich, ist es wichtig, gemischte Kollegien zu schaffen!
Beide Interviewpartner halten übrigens den diesjährigen Boys' Day zwar für wichtig, Jungs hätten sich aber seit Jahren längst schon selbst eingeklinkt und auch Lust dazu, nicht männertypische Tätigkeitsfelder zu begutachten. Ihre Empfehlungen für Jungen im Berufswahlprozess sind nahezu identisch:
Frömbgen: Ich kann einfach nur dazu raten, nach seinen eigenen Interessen zu gucken, was liegt mir, was macht mir Spaß, wo bin ich gut.
Frankenfeld: Es ist Gold wert, dass man einen Beruf hat, der einem Spaß macht. Das ist für das Leben einfach großartig. Dadurch ist man selber so ausgeglichen. Ich muss arbeiten, es gibt Geld, der Beruf macht Spaß und es ist nicht nur so eine Aufgabe.
Jörn Frankenfeld Daniel Frömbgen


