Die finnische Lösung: Alternde Belegschaften - die Arbeitsfähigkeit erhalten
Die öffentliche Debatte über den demografischen Wandel hat in Deutschland ein eher negatives Bild vom Altern entstehen lassen. Alt werden wird gleichgesetzt mit dem Verlust von Leistungsfähigkeit und mit krank werden. Dass die Zahl der Älteren zu- und die der Jüngeren abnimmt, dient zum Anlass, um bedrohliche Szenarien zu entwickeln. Sie begründen einschneidende Veränderungen wie die Herauf-setzung des gesetzlichen Renteneintrittsalters, die von vielen Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen als Verschlechterung wahrgenommen werden.
In Finnland wurden andere Wege beschritten. Das finnische Reformprogramm ›Älter werdende Arbeitnehmer‹ zeichnete sich durch ein breites Bündel von Maßnahmen und die Beteiligung verschiedener Ministerien, der Sozialpartner und des Finnischen Instituts für Arbeitsmedizin (FIOH) aus. Am Beginn standen Informationskampagnen, die eine öffentliche Diskussion zum Thema ›Ältere Arbeitnehmer‹ in Gang brachten. Es galt, Vorurteile gegenüber Älteren aus dem Weg zu räumen und deutlich zu machen, dass Menschen gerne weiterarbeiten wollen, wenn ihre Bedürfnisse im Arbeitsleben berücksichtigt werden. Erst gegen Ende des Programms wurde eine Rentenreform auf den Weg gebracht, die ein eiterarbeiten auch finanziell belohnt.
Die Arbeit war so erfolgreich, dass das Programm mit dem mit 150.000 Euro dotierten Bertelsmann-Preis ausgezeichnet wurde. Barbara Reuhl, Referentin der Arbeitnehmerkammer für Arbeitsschutz und Gesundheitspolitik, sprach mit Professor Juhani Ilmarinen, seit 1990 am FIOH in Helsinki mit dem Thema Altern und Arbeit befasst, über die Erkenntnisse aus dem Reformprogramm.
Barbara Reuhl: Herr Ilmarinen, spricht man über ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, fällt schnell das Stichwort ›Arbeitsfähigkeit‹. Was ist darunter zu verstehen?
Juhani Ilmarinen: Die Arbeitsfähigkeit des Individuums beruht auf der Wechselwirkung zwischen den Ressourcen des Menschen und den Arbeitsanforderungen. Wenn diese zusammenpassen, kann die Arbeit gut ausgeführt werden. Das Wichtige daran ist die Wechselseitigkeit der Prozesse: Es liegt weder nur an den Arbeitenden noch nur an ihrer Arbeit oder Arbeitsumgebung, ob die Arbeit gut ausgeführt werden kann oder nicht. Eine gute Arbeitsfähigkeit bedeutet, dass die Menschen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen die gewünschte Arbeit gut leisten können.
Reuhl: Sie haben an der finnischen Universität ein Modell dafür entwickelt!
Ilmarinen: Ja, das ist das ›Haus der Arbeitsfähigkeit‹. Es verdeutlicht, welche Faktoren beteiligt sind und wie sie aufeinander wirken. Es besteht aus vier Stockwerken: Sie heißen Gesundheit, Qualifikation, Werte und Arbeit.
Fangen wir mit der untersten Etage an, sie bildet die Grundlage für alle weiteren: die physische und psychische Gesundheit. Dieses Fundament bedeutet auch, dass es eine gute Arbeitsfähigkeit ohne Gesundheit nicht geben kann. Gesundheitliche Einschränkungen bedrohen immer auch die Arbeitsfähigkeit - umgekehrt verbessert es auch die Arbeitsfähigkeit, wenn an die Gesundheit fördert.
Reuhl: Was gibt es noch im Haus der Arbeitsfähigkeit?
Ilmarinen: Qualifikation im zweiten Stock meint das Wissen und Können eines Menschen: sowohl fachliche Qualifikationen als auch Schlüsselkompetenzen, die Fertigkeiten und Fähigkeiten. ›Fahrrad fahren können‹ ist zum Beispiel eine Fertigkeit. Als Fähigkeiten werden die Anteile beschrieben, die noch nicht erlernt, aber prinzipiell erlernbar sind, zum Beispiel eine neue Sprache zu lernen. Im fortlaufend sich verändernden Arbeitsalltag wird das lebenslange Weiterlernen dabei immer wichtiger. Die Werte im dritten Stock bestehen aus Einstellungen und Motivationen. Erstere prägen unser gesamtes Verhalten und beeinflussen auch, was uns motiviert. Für eine gute Arbeitsfähigkeit ist es wichtig, dass die eigenen Einstellungen und Motivationen im Einklang mit der Arbeit sind. Eine Arbeit, die man vor sich selbst nicht gut vertreten kann oder ein Chef, der mit finanziellen Anreizen lockt, obwohl man selbst mehr Freizeit wünscht - unter solchen Widersprüchen leidet langfristig die eigene Arbeitsfähigkeit.
Reuhl: Und die Arbeit?
Ilmarinen: Das vierte Stockwerk des Hauses ist das größte und schwerste - es ist die Arbeit selbst. In den meisten Zeichnungen wird es aus diesem Grund auch doppelt so groß gemalt wie die anderen. Und weil es das oberste Stockwerk ist, drückt es mit seinem Gewicht auf die unteren - alles, was hier passiert, hat deutliche Auswirkungen auf alle vorher genannten Stockwerke. Alles, was den eigenen Arbeitsplatz zu dem macht, was er ist, gehört dazu: die Aufgaben, die meine Arbeit mir stellt, die Kollegen und Vorgesetzten, die Struktur, in der man arbeitet, aber auch die Arbeitsumgebung, die Räume, Lichtverhältnisse, das Mobiliar. Dieses Stockwerk ist in seinem Aufbau sehr komplex, weil es sich aus vielen unterschiedlichen Aspekten zusammensetzt, die eng miteinander verwoben sind. Eine große Verantwortung in diesem Stockwerk tragen die Vorgesetzten. Gleichzeitig kann eine gute Arbeitsfähigkeit nur dann entstehen, wenn Vorgesetzte und Mitarbeiter zusammenarbeiten, beide müssen ihren Anteil leisten.
Reuhl: Steht dieses ›Haus‹ denn im luftleeren Raum?
Ilmarinen: Nein, auch die Umgebung des Hauses beeinflusst die Arbeitsfähigkeit. Der Arbeitsschutz wirkt hierbei als einer der gesetzlich verankerten Schutzmechanismen. Da Arbeit und Leben keine Gegensätze sind, beeinflusst auch der Teil des Lebens, der außerhalb der Arbeit stattfindet, die Arbeitsfähigkeit. Familie, Freunde und soziale Beziehungen spielen eine wichtige Rolle im eigenen Kräftehaushalt.
Reuhl: Wie kann die Arbeitsfähigkeit erhalten und gefördert werden?
Ilmarinen: Das Haus der Arbeitsfähigkeit zeigt die Vielfalt der verschiedenen Ansatzpunkte auf. Die Arbeitsfähigkeit kann nur dann wachsen, wenn die verschiedenen Stockwerke gleichzeitig im Auge behalten werden. Es geht also um eine Integration der verschiedenen Handlungsfelder. Wer sich nur auf die Zusammenarbeit unter Kolleginnen und Kollegen, nur auf eine möglichst gesunde Ernährung, nur auf die Förderung von Bewegung konzentriert, kann die Arbeitsfähigkeit nicht langfristig und bleibend verbessern. Dafür braucht es vielfältige, aber aufeinander abgestimmte Maßnahmen.
Reuhl: Geht es dabei nur um die älteren Beschäftigten?
Ilmarinen: Nein, die Suche nach einem möglichst guten Gleichgewicht zwischen den Anforderungen einer Arbeit und den Ressourcen des oder der Beschäftigten zieht sich durch ein ganzes Menschenleben und wird in den verschiedenen
Lebensphasen unterschiedlich beantwortet. Das Streben nach einer guten Arbeitsfähigkeit dauert also im Idealfall ein Leben lang an - indem es sich den verändernden Gegebenheiten immer wieder neu anpasst.
Reuhl: In Deutschland wurde das Renteneintrittsalter heraufgesetzt, um die Beschäftigungsquote Älterer anzuheben. Wie schätzen Sie die Wirksamkeit dieser Maßnahme ein?
Ilmarinen: Eine solche Maßnahme verändert zunächst gesetzliche Rahmenbedingungen, ohne vorher in den Köpfen der Menschen ein Umdenken bewirkt zu haben. Ich halte das für nicht sehr aussichtsreich, um mehr ältere Menschen in Beschäftigung zu halten oder zu bringen. In unserem finnischen Programm ›Älter werdende Arbeitnehmer‹ ging es erst zum Schluss um die Rentenreform.
Reuhl: Sollte man die Beschäftigung Älterer mit finanziellen Anreizen fördern?
Ilmarinen: Solche Konzepte halte ich für bedenklich. Denn finanzielle Anreize führen in der Regel dazu, dass das gewünschte Verhalten nur solange gezeigt wird, wie die Gelder fließen. Die nachhaltige Wirksamkeit derartiger Maßnahmen ist also äußerst fragwürdig. Zudem vermitteln sie das Bild, dass ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tatsächlich weniger leisten und die Unternehmen deshalb entschädigt werden müssen, wenn sie diese einstellen. Tatsächlich aber profitieren Unternehmen von einer altersgemischten Belegschaft, da sie vielseitiges Können und unterschiedliche Perspektiven mit sich bringt. Um dieses Ziel zu erreichen, muss man die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte in allen Altersstufen gesundheitsgerecht und lernförderlich gestalten, das hat unsere Arbeit gezeigt.
Reuhl: Der demografische Wandel in der Arbeitswelt ist in aller Munde. Im Land Bremen kommt das Thema aber nur langsam in Gang. Wodurch könnte der Prozess befördert werden?
Ilmarinen: Der Handlungsdruck ist da - es muss auf allen Ebenen die Notwendigkeit von Age Management erkannt werden. Gesellschaft, Betrieb und Individuum sind verschiedene Handlungsfelder mit jeweils anderen Problemen und Möglichkeiten. Erst wenn auf allen Ebenen agiert wird, kann sich wirklich etwas verändern:
- Gesellschaftlich entsteht durch die Finanzierbarkeit der Rentensysteme ein großer Handlungsbedarf.
- In den Betrieben können zum Beispiel Altersstrukturanalysen der Belegschaft aufzeigen, welche Probleme und Herausforderungen die Zukunft bringt. Da die Personalpolitik eines Unternehmens sich nicht von einem auf den anderen Tag verändern lässt, ist eine langfristige Planung unabdingbar.
- Und individuell: Es ist davon auszugehen, dass jeder Mensch ein großes Interesse am gesunden Älter-Werden hat. Hierbei spielt das Alter in Kalenderjahren eine weitaus kleinere Rolle, als angenommen wird. Ein gutes Älter-Werden liegt sehr viel mehr in unseren eigenen Händen - mit einer gesunden Lebensweise, täglichem Weiterlernen und einem vielfältigen Leben. Alle drei Ebenen müssen im Auge behalten werden: Nur so kann sich langfristig wirklich eine Verbesserung ergeben, von der alle Beteiligten profitieren.
Reuhl: Vielen Dank, Herr Professor Ilmarinen.
(BAM - Bremer Arbeitnehmer Magazin, 2/2007)

