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Anlässlich der Veröffentlichungen des Bremer Wissenschaftlers Gunnar Heinsohn, der in mehreren Publikationen für die Begrenzung von Hartz IV auf fünf Jahre geworben hat und dabei insbesondere kinderreiche Familien, die auf Hartz IV angewisen sind, diffamiert, hat der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, Dr. Hans Endl, heute den dieser Mail angehängten Offenen Brief an die Wissenschaftssenatorin sowie an den Rektor der Universität geschickt.


Bremen, den 19. März 2010

Offener Brief an die Senatorin für Wissenschaft und den Rektor der Universität Bremen

Sehr geehrte Frau Senatorin, sehr geehrter Herr Prof. Dr. Müller,

am 09. Februar 2010 wurde in der Welt, am 16. März in der FAZ ein Gastbeitrag des Bremer Wissenschaftlers Prof. Dr. Dr. Gunnar Heinsohn veröffentlicht, in dem sich der Verfasser - nach amerikanischem Muster - für die Begrenzung der Zahlung von Sozialhilfe (Hartz IV) auf fünf Jahre stark machte, um die aus seiner Sicht überproportionalen "Reproduktionsmuster" von "Frauen aus der Unterschicht" umzukehren, die Zuwanderung von "Niedrigleistern des Auslands" einzudämmen und "Frauen, die durch Vermehrung nach Einkommen streben" in ihre Schranken zu weisen. Das deutsche Problem seien zu wenig ausbildungsfähige, bildungsnahe Kinder und zu viele bildungsferne. Aus Letzteren würden entweder zu gebärfreudige Frauen oder kriminelle Männer. Besser, sie würden nicht geboren: "Ungeborene können niemandem einen Baseballschläger über den Kopf ziehen, aber sie können auch von niemandem erniedrigt oder beleidigt werden." In der Tat möchte man allen Hartz-IV-Bezieher/innen und deren Kindern die Erniedrigung ersparen, die sie durch Hetz-Artikel von Gunnar Heinsohn erfahren. Allerdings nicht, indem man sie erst gar nicht zur Welt kommen lässt.

Dr. Heinsohn hat es offenbar für angezeigt gehalten, auf diese Weise in die Diskussion um die Zukunft des (Sozial-)Staates einzugreifen, in einem
Augenblick, in dem diese Auseinandersetzung von verbalen Rüpeleien übelster Sorte geprägt ist. Er war zudem offenbar der Auffassung, dass die politischen Ausfälle von Herrn Sarrazin und von Bundesaußenminister Westerwelle zu den Hartz-IV-Leistungsbezieher/innen, nachträgliche ,höhere Weihen' verdient haben - durch das Wort eines berufenen Wissenschaftlers.

Der kleinste Teil unserer Kritik bezieht sich auf die angeblich "realistischen Szenarien", mit denen Herr Heinsohn glaubt, genaue Aussagen
über das demografische Profil der Bundesrepublik in 50 Jahren (2060!!!) zu machen. Deutlich erschütternder sind die Vorschläge und Ziele des Bremer Wissenschaftlers, der im Grunde eine bevölkerungspolitische Bereinigung anstrebt. Der davon ausgeht, dass (kinderreiche) Migranten den Leistungsanforderungen dieser Gesellschaft und dieses Staates nicht genügen und deshalb - wie gesagt - besser nicht geboren wären.

Es erübrigt sich darüber hinaus eigentlich der Hinweis, dass mit den Hartz-Reformen und der Einführung des ALG II die Gruppe der Leistungsbezieher/innen heterogener denn je geworden ist und all diejenigen umfasst, die auf einem enger und enger werdenden Arbeitsmarkt nicht mehr Fuß fassen können oder noch nicht Fuß fassen konnten.

Wir schätzen die Universität, ihre Arbeit und sind in vielen Bereichen, in denen es um die Anliegen der Arbeitnehmer/innen geht, seit Jahrzehnten ein guter Kooperationspartner. Für uns ist es deshalb mehr als befremdlich und bedauerlich, dass ein Bremer Wissenschaftler die Autorität seines Amtes instrumentalisiert, um die höchst brisante Diskussion um die Zukunft des Sozialstaats mit dubiosen, zusammengeklaubten Theorie-Versatzstücken über "Niedrigleister" und ihre zwangsläufig "bildungsfernen Kinder" anzuheizen.

Dr. Heinsohn bricht über tausende von Bremerinnen und Bremer den Stab, die engagiert danach streben, sich auf dem bremischen Arbeitsmarkt zu verankern und die ihre privaten Interessen jederzeit zurückstellen, um ihren Kindern eine erfolgreiche, glückliche Zukunft zu ermöglichen. Wenn Herr Dr. Heinsohn sich ernsthaft fragen sollte, warum Kinder von Migrant/innen es im deutschen Bildungswesen schwer haben, dann sollte er nach einer Antwort vielleicht im Studiengang Pädagogik der Uni Bremen oder an bremischen Schulen direkt suchen. Dort arbeiten - seit der ersten PISA-Studie - engagierte Pädagogen an einer besseren Förderung dieser Kinder - bislang und trotz schmaler Mittel schon mit bemerkenswertem Erfolg. Und genau dies ist die Aufgabe des Sozialstaates: Es geht nicht ums Verteilen von Almosen, sondern um die Beseitigung struktureller Nachteile. Etwa durch personelle und finanzielle Investitionen in die Bildung der Kinder von Migranten und deutscher Unterschichten. Der kluge Sozialstaat verwandelt die Schwächen der Generation Migration in Stärken, er hebt den interkulturellen Reichtum dieser Generation.

Für all diejenigen, die sich heute mit der Lösung der Probleme der Migrant/innen beschäftigen und nicht zuletzt für unsere Mitbürger/innen mit ausländischen Wurzeln selbst ist der ,Eliterassismus' Heinsohnscher Prägung ein Schlag ins Gesicht.

Ich würde mir wünschen, dass sich Universität und Wissenschaftsressort von den Positionen Dr. Heinsohns distanzierten.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Dr. Hans-L. Endl
Hauptgeschäftsführer


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