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Reallöhne in Deutschland gesunken, trotz steigender Wirtschaftskraft

15. November 2010
von Jan Farke (Referent für Wirtschaftspolitik)


Soviel Zuspruch und aufmunternde Worte während und vor anstehenden Lohnverhandlungen hatten die deutschen Gewerkschaften schon lange nicht mehr: Die Wirtschaft lässt aktuell ihre größte Krise seit Bestehen der Bundesrepublik im Rekordtempo hinter sich und nicht nur deutsche Politiker - von der Kanzlerin über den Bundeswirtschaftsminister bis hin zum Bundesaußenminister und FDP-Parteichef Guido Westerwelle - lassen sich mit der Forderung nach höheren Löhnen zitieren.

Gleichlautende Unterstützung kommt auch von einigen renommierten Wirtschaftsforschungsinstituten und sogar ausländische Politiker wie die französische Finanz- und Wirtschaftsministerin Christine Lagarde überraschen derzeit den deutschen Arbeitnehmer: Die Löhne in Deutschland - so allgemeiner Tenor - sollten endlich wieder kräftig wachsen!

So überraschend und erfreulich diese allgemeine Zustimmung zu den Verhandlungspositionen der Gewerkschaften auch ist - die Forderungen nach Lohnsteigerungen in der aktuellen Phase sind vor allem aus zwei Gründen ebenso gerecht wie notwendig. Zum einen haben die Arbeitnehmer in der aktuellen Krise unter anderem durch Lohnverzicht, Arbeitszeitverkürzung und hohe Bereitschaft zur Flexibilität ihren Beitrag geleistet, die Unternehmen in der Krise zu stabilisieren. Die Forderung nach einer Beteiligung der Arbeitnehmer am spürbaren Aufschwung erscheint somit durchaus gerechtfertigt. Zum anderen ist aber das derzeitige Wirtschaftswachstum immer noch stark vom deutschen Außenhandelsüberschuss getragen und angesichts der schwierigen Lage vieler europäischer Handelspartner somit wenig robust. Wenn der Funke von der Export- auf die Binnenwirtschaft aber überspringen soll, müssen auch hierzulande - nach fast einem Jahrzehnt der Lohnmäßigung - die Löhne tatsächlich wieder deutlich stärker wachsen.

Rückläufige Reallöhne in Deutschland

Bereits seit Anfang der 1990er Jahre haben sich die Netto-Reallöhne (Nettolöhne bei Berücksichtigung der Preisentwicklung) in der Bundesrepublik Deutschland kaum mehr erhöht. Trotz guter Konjunkturentwicklung und einem durchaus kräftigen Wirtschaftswachstum zeigte sich zwischen den Jahren 2004 und 2008 sogar ein bisher in Deutschland unbekanntes Phänomen: Ein deutliches Wirtschaftswachstum ging mit einer Senkung der realen Nettolöhne über mehrere Jahre einher. Bisher waren in der Bundesrepublik die Löhne immer in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs gestiegen. Obwohl aber die Beschäftigung kräftig zunahm, die Arbeitslosigkeit erstmals seit längerer Zeit deutlich gesenkt werden konnte und die Wirtschaft wuchs, konnten die Lohnbezieher insgesamt dennoch nicht von dem Aufschwung bis 2008 profitieren: Die Löhne je Arbeitnehmer in Deutschland sind in den letzten Jahren nominal kaum gestiegen, preisbereinigt sogar gesunken. Diese Entwicklung gilt sowohl für die Brutto- als auch für die Entwicklung der Nettolöhne. Unter Berücksichtigung der Preisentwicklung hatten die Lohn- und Gehaltsempfänger im Betrachtungszeitraum 2000 bis 2009 in Deutschland real rund zwei Prozent weniger Netto in der Tasche.

Entwicklung der Reallöhne im europäischen Vergleich
Auch in einem internationalen Vergleich gestaltete sich die deutsche Lohnentwicklung der letzten Jahre äußerst schwach: Während sich in allen Ländern der Europäischen Union (EU) die Reallöhne pro Kopf (Realeinkommen aus unselbstständiger Arbeit einschließlich Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) zum Teil kräftig erhöhten, nahmen diese im entsprechenden Zeitraum lediglich in Deutschland ab: Seit dem Jahr 2000 sanken die Reallöhne um 0,8 Prozent. Damit bildet Deutschland im europäischen Vergleich das Schlusslicht. Auch Franzosen, Briten, Finnen, Belgier und Niederländer erhielten einen höheren Zuwachs als der EU-Durchschnitt.

Deutscher Exportüberschuss
Wenn Deutschland den übrigen Euro-Staaten konjunkturell enteilt und zur Lokomotive der wirtschaftlichen Erholung wird, ist das innerhalb der Währungsunion zudem nicht nur Anlass zur Freude, sondern zugleich ein nicht zu unterschätzendes Problem: Der deutsche Exporterfolg der letzten Jahre ist nämlich keineswegs nur Ausdruck der herausragenden internationalen Wettbewerbsfähigkeit deutscher Produkte, sondern eben auch Folge dieser massiven Lohnzurückhaltung im letzten Jahrzehnt. Diese verbesserte preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen in Verbindung mit der hohen Innovationsfähigkeit führte zu einem massiven Exportboom und brachte der Bundesrepublik über Jahre den Titel des Export- beziehungsweise Vizeexportweltmeisters ein. Solange aber die deutschen Exportüberschüsse zum großen Teil innerhalb der Euro-Zone erwirtschaftet werden, müssen andere europäische Länder vor allem in der Währungsunion zwangsläufig Defizite anhäufen. Die daraus resultierenden Schulden können sie nur abtragen, wenn Deutschland schon aus Eigeninteresse langfristig seinen Leistungsbilanzüberschuss auch durch eine höhere Binnennachfrage abbaut. Anderenfalls führt die aggressive deutsche Exportstrategie dazu, dass wir die europäischen Nachbarn ›an die Wand‹ konkurrieren, diese in Schulden versinken und als Käufer nicht mehr zur Verfügung stehen. Unser Exporterfolg wäre langfristig gefährdet!

Die deutsche Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre hat ohne Zweifel die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft deutlich erhöht. In der aktuellen Phase geht es jetzt nicht darum, die deutschen Exporte aus Rücksichtnahme auf unsere europäischen Nachbarn in irgendeiner Form einzuschränken oder gar die Bemühungen um Produktivitätsverbesserungen oder Innovationen zu vernachlässigen. Es geht - neben einer angemessenen Beteiligung der Arbeitnehmer am wirtschaftlichen Erfolg - auch darum, der derzeitigen konjunkturellen Erholung ein zweites Standbein zu geben sowie einer weiteren Verschärfung der Ungleichgewichte im Euro-Raum entgegenzuwirken. Die Lohnfindung in Deutschland ist die alleinige Aufgabe der Sozialpartner. Eine umfassende Wende in der deutschen Lohnentwicklung scheint aber ohne die Politik nur schwerlich möglich: Die Branchen und Unternehmen ohne ausreichende gewerkschaftliche Bindung, ohne Tarifbindung oder gar Betriebsräte haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Mit der Deregulierung des Arbeitsmarktes, mit der Ausweitung von Leiharbeit und von schlecht bezahlten Minijobs hat die Politik hierzu ihren Beitrag geleistet. Daher muss sich die Politik jetzt da, wo die Gewerkschaften schwach sind, für die Einführung von gesetz-lichen Mindestlöhnen, für eine Verfahrensvereinfachung zur Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen und für eine angemessene Regulierung der Leiharbeit einsetzen.


Weitere Informationen:
 

Ausführliche Daten und Fakten finden Sie im Statistischen Jahrbuch 2010 (pdf, 13 MB) der Arbeitnehmerkammer Bremen.