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Wirtschaftliche Mitbestimmung

Erste Analyse auch ohne Zahlen

14. August 2014

von Anja Feist (Beraterin Mitbestimmung und Technologieberatung)

Oftmals kommen Interessenvertretungen in unsere Beratung, weil sie sich Sorgen um ihr Unternehmen machen. Sie möchten wissen, wie es dem Unternehmen wirtschaftlich geht. So ging es auch dem Betriebsrat eines Logistikunternehmens. Doch was kann man tun, wenn der Arbeitgeber keine Zahlen rausrückt?

Der Arbeitgeber hatte Forderungen des Betriebsrats mit Hinweis auf die schlechte wirtschaftliche Situation des Unternehmens abgewiesen und sogar den Verzicht auf das diesjährige Urlaubsgeld angesprochen. Wie die wirtschaftliche Lage tatsächlich aussieht und ob die Forderung des Arbeitgebers nachvollziehbar ist, wissen die Betriebsratskollegen allerdings nicht. Vom Arbeitgeber erhalten sie nämlich keine Informationen, insbesondere keine wirtschaftlichen Zahlen, wie etwa monatliche betriebswirtschaftliche Auswertungen.

Als Interessenvertretung der Beschäftigten muss man die wirtschaftliche Lage des Unternehmens abschätzen können, um mit dem Arbeitgeber über geforderte Einschnitte bei den Mitarbeitern gleichberechtigt verhandeln zu können. Doch wie kann das gehen, ohne dass Zahlen vorliegen?

Obwohl die Geschäftsführung noch keine wirtschaftlichen Unterlagen vorgelegt hatte, konnte der Betriebsrat in unserer Beratung anhand eines Fragenkatalogs das eigene Unternehmen grob analysieren. Betrachtet wurden hauptsächlich betriebsinterne Erfolgsfaktoren, wie zum Beispiel Unternehmensführung, Mitarbeiterführung, Kundenorientierung sowie Investitionen, weil diese in der Regel betrieblich beinflussbar sind.

So hat die Unternehmensführung einen nachhaltigen Einfluss auf den Erfolg. Zu ihren Aufgaben gehören die Planung und Weiterentwicklung des Unternehmens, also die Strategie, die Überwachung der Unternehmensprozesse und die Veranlassung von Gegenmaßnahmen bei Fehlentwicklungen. In diesem Bereich schnitt das Unternehmen gut ab. Ebenso war es im Bereich der Mitarbeiter gut aufgestellt. Durch eine partnerschaftliche Mitarbeiterführung identifizieren sich die Beschäftigten mit dem Unternehmen und die Potenziale der Mitarbeiter können gut genutzt werden. Nur im Bereich der Mitarbeiterqualifikation wird zu wenig Geld investiert. Die Kunden sind im Unternehmen König, man kennt sie und die Dienstleistungen werden an den Kundenanforderungen ausgerichtet. Die Kundenorientierung ist also vorbildlich. Schlechter sieht es bei den Investitionen aus. Die EDV ist veraltet und Lagerflächen müssten erweitert werden. Hierbei handelt es sich um Risikofaktoren, die den Unternehmenserfolg negativ beeinflussen können.

Insgesamt schätzten wir nach Durcharbeitung des Fragenkatalogs die wirtschaftliche Lage des Unternehmens positiv ein und können die Forderung des Arbeitgebers nach finanziellen Einschnitten bei den Mitarbeitern nicht nachvollziehen. In Verhandlungen kann der Betriebsrat diese Forderungen zurückweisen. Wenn der Arbeitgeber weiterhin an seinen Forderungen festhalten sollte, muss er sie mit Unterlagen belegen.


Weitere Informationen:
 

Die Abteilung Mitbestimmung und Technologieberatung berät Interessenvertretungen in Bremen und Bremerhaven kostenfrei in rechtlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten.
Kontakt:
E-Mail: mitbestimmung@arbeitnehmerkammer.de
Telefon 0421·36301-962 (Bremen) oder
0471·92235-24 (Bremerhaven)