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Leiharbeit statt Personalentwicklung

16. Mai 2011
von Bernd Strüßmann (Referent für regionale Strukturpolitik)


Nur ein Teil der bremischen Betriebe geht den Fachkräftemangel offensiv an, wie unsere aktuelle Betriebsrätebefragung zeigt. Demnach hat zwar rund ein Drittel der Betriebe akut Probleme bei der Stellenbesetzung und rund die Hälfte der befragten Betriebsräte rechnet damit, dass sich die Situation künftig noch verschärfen wird. Doch nur ein Drittel der Betriebe mit Stellenbesetzungsproblemen will durch Personalentwicklung langfristig gegensteuern. Die vielen Klagen über den angeblichen Fachkräftemangel zeigen also in vielen Betrieben kaum Konsequenzen bei der Personalentwicklung oder dem Ausbildungsverhalten - stattdessen setzen Betriebe zunehmend auf das Instrument der Leiharbeit.

An der Befragung haben 142 Betriebsräte teilgenommen, in deren Unternehmen nach eigenen Angaben an den regionalen Standorten 66.125 Beschäftigte arbeiten. Damit umfasst die Studie 23,2 Prozent der in den einzelnen Branchen beschäftigten Arbeitnehmer im Land Bremen und rund ein Viertel der beschäftigten Leiharbeitnehmer. Neben der Bewertung der Wirtschaftslage wurden die Betriebsräte in diesem Jahr zu den beiden Schwerpunkten ›Einsatz von Leiharbeitnehmern‹ und ›Fachkräftemangel‹ befragt.

Fachkräftemangel in den Bremer Betrieben

Der Befund der Betriebsräte in Sachen Fachkräftemangel ist ziemlich eindeutig: Rund die Hälfte der Betriebsräte (53,0 Prozent) meint, in der Branche des jeweiligen Betriebs gebe es zu wenige Fachkräfte. Dabei wird die Situation je nach Größe des Betriebs unterschiedlich eingeschätzt: Rund sechs von zehn Betriebsräten von kleinen und mittleren Betrieben (weniger als 250 Beschäftigte) und sogar zwei Drittel der kleineren Betriebe (weniger als 50 Beschäftigte) gehen von einem Fachkräftemangel in ihrer Branche aus.

Bei der Frage nach der konkreten Situation im Betrieb sieht das Bild anders aus. Trotz der überwiegenden Einschätzung, in der eigenen Branche gebe es einen Fachkräftemangel, hatte nur etwas mehr als ein Viertel der Betriebe in den vergangenen zwei Jahren (26,8 Prozent) tatsächlich Stellenbesetzungsprobleme. Fast gleich hoch (29,6 Prozent) ist der Anteil der Betriebe mit aktuellen Stellenbesetzungsschwierigkeiten. Von den 75 Betrieben, die über einen Fachkräftemangel in der Branche berichteten, hatte etwa die Hälfte in der Vergangenheit oder aktuell größere Schwierigkeiten bei der Personalsuche. Und rund die Hälfte (48,6 Prozent) der befragten Betriebsräte rechnet damit, dass sich die Probleme in Zukunft verschärfen werden.

Größere Stellenbesetzungsprobleme bestanden nach Auskunft der Betriebsräte vor allem bei den Facharbeiterberufen (26,1 Prozent der Befragten). Als heikel stellt sich offensichtlich häufig auch die Besetzung betrieblicher Führungspositionen (21,8 Prozent) dar. Schwierigkeiten tauchten besonders auch bei den Dienstleistungsberufen auf (16,9 Prozent). Offensichtlich deutlich weniger Schwierigkeiten gab es bei kaufmännischen Tätigkeiten (9,9 Prozent) und noch weniger Probleme, Personal für einfache Tätigkeiten zu gewinnen (3,5 Prozent).

Die geringe Bewerberzahl ist nach Angaben der Betriebsräte der häufigste Grund dafür, warum es bei den Facharbeitern, inden Dienstleistungsberufen sowie bei Führungspositionen Stellenbesetzungsprobleme gibt. Außerdem genannt werden die unzureichende fachliche Eignung, zusammenhängend mit fehlenden Zusatzqualifikationen. Aber auch unattraktive Arbeitsbedingungen - niedriger Lohn, lange Arbeitszeit oder Schichtdienst, wenig Urlaub oder geringe Aufstiegsmöglichkeiten - spielten als Grund für Stellenbesetzungsprobleme durchaus eine Rolle: Bei den einfachen Tätigkeiten steht dieser Grund sogar an erster, bei allen übrigen Berufen an dritter Stelle.

Aktive Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel ergreift nur ein Teil der Betriebe. Immerhin gibt etwa die Hälfte der Befragten an, dass der Betrieb mit betrieblicher und außerbetrieblicher Weiterbildung reagiere (48,6 Prozent). Aber nur jeweils rund ein Drittel der Betriebsräte erklärt, dass der Betrieb eine langfristige Personalentwicklung betreibe (31 Prozent) oder die betriebliche Ausbildung intensiviere (35,2 Prozent).

Leiharbeit in den befragten Unternehmen

Zweites Schwerpunktthema der Betriebsrätebefragung war die Leiharbeit. Zum Befragungszeitpunkt kamen in den Betrieben rund 2.600 Leiharbeitnehmer zum Einsatz. Dies entspricht in etwa einem Viertel der insgesamt im Bundesland beschäftigten Leiharbeitnehmer. Anzumerken bleibt dabei, dass mit der Erhebung lediglich die Situation in mitbestimmten Betrieben erfasst wurde. Es ist zu befürchten, dass sich die Auswirkungen und aufgezeigten Probleme in Unternehmen ohne Betriebsrat als weitaus umfassender darstellen könnten.

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass zwischen den Jahren 2009 und 2010 die Zeitarbeit zum Teil wieder deutlich zugenommen hat: Nur 13 Prozent der Unternehmen mit Leiharbeitnehmern berichten von einer ›Abnahme‹ der Leiharbeit und rund 50 Prozent, dass ›keine wesentliche Veränderung‹ im Vergleich zum Vorjahr festzustellen ist. Rund 10 Prozent der befragten Betriebsräte berichten von einem zum Teil kräftigen Ausbau der Leiharbeit im eigenen Betrieb. Knapp die Hälfte der erfassten Betriebe (49 Prozent) setzte nach Angaben der Betriebsräte Leiharbeitnehmer ein. Dabei liegt der Schwerpunkt in den größeren Betrieben. Im Schnitt betrug die Leiharbeiterquote 6 zu 100 Beschäftigte.

Einsatzdauer und Branchenschwerpunkte der Leiharbeit

Leiharbeiter werden in den befragten Betrieben größtenteils nur für kurze Zeit eingesetzt: Lediglich neun Prozent geben an, dass Leiharbeitnehmer im Durchschnitt mindestens ein Jahr oder länger durchgängig eingesetzt werden. In diesen überwiegend großen Betrieben (mit mehr als 250 Mitarbeitern) arbeiten allerdings rund 1.000 beziehungsweise rund 40 Prozent der durch die Befragung erfassten Leiharbeitnehmer.

Hier deutet sich an, dass Leiharbeitnehmer langfristig als Ersatz für die Stammbelegschaft eingesetzt werden - teilweise sogar durch unternehmenseigene Leiharbeitsfirmen, im vergangenen Jahr betraf dies fast jeden neunten Betrieb. Bei einem Viertel der Betriebe (24,3 Prozent) beträgt die durchschnittliche Einsatzdauer von Leiharbeitnehmern weniger als drei Monate und bei rund 22 Prozent zwischen drei bis sechs Monaten. 23 Prozent der Leiharbeitnehmer arbeiten zwischen sieben und zwölf Monaten in den befragten Betrieben.

Angaben lassen sich auch zur Größenordnung machen, mit der Zeitarbeitnehmer in den Betrieben tätig werden: In knapp der Hälfte der Betriebe (rund 45 Prozent der Fälle) kommen mehr als jeweils zehn Leiharbeiter zum Einsatz. In fünf Betrieben werden sogar mehr als 100 Leiharbeiter eingesetzt, darunter befinden sich zwei mit mehr als 500 Leiharbeitnehmern. Die Leiharbeit ist eine Domäne des ›verarbeitenden Gewerbes‹ beziehungsweise der Industrie, in der auch rund acht von zehn Leiharbeitnehmern nach unserer Befragung tätig sind. Neben dem in Bremen bedeutenden Wirtschaftszweig ›Verkehr und Lagerei‹ spielt die Leiharbeit auch in den Branchen ›Information und Kommunikation‹ sowie ›Gesundheits- und Sozialwesen‹ eine größere Rolle.

Funktion der Leiharbeit in den Bremer Betrieben

Zwei Drittel der Interessenvertretungen sehen die Funktion der Leiharbeit im Betrieb in der Aushilfe bei Auftragsspitzen (64,3 Prozent). Etwa die Hälfte der Betriebsräte sieht die Funktion in der Ergänzung der Stammbelegschaft (48,6 Prozent), rund ein Drittel darin, Stammbeschäftigte zu ersetzen (34,3 Prozent). Leiharbeit kommt aber in der Hälfte der Betriebe auch in der beinahe ›klassischen‹ Variante als Krankheits- oder Vertretung bei Elternzeit und ähnlichen Anlässen zum Tragen (52,9 Prozent).

Lohnunterschiede zwischen Stammbeschäftigten und Leiharbeitnehmern

Eine Gleichbehandlung der Leiharbeitnehmer beim Lohn ist nur bei einem Fünftel der Betriebe (18,6 Prozent) der Fall. Nur in rund neun Prozent der Betriebe erhalten die Leiharbeitnehmer nach Kenntnis des Betriebsrats des Entleihbetriebs eine höhere Vergütung. In rund 63 Prozent der Betriebe ist der Lohn der Zeitarbeitnehmer niedriger als der Lohn der Stammbelegschaft. Vielen Betriebsräten ist der genaue Unterschied zwischen den Löhnen der Stammkräfte und der Leiharbeitnehmer jedoch nicht bekannt.


Weitere Informationen:
 

Einen Auszug aus der Betriebsrätebefragung finden Sie im Bericht zur Lage der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Land Bremen 2011 (Seite 133 ff.).