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Lotsen im Dickicht der Bürokratie

12. November 2015
von Janet Binder

Wer aus dem Ausland nach Deutschland kommt und hier arbeiten will, muss oft eine Menge Papierkram erledigen. Denn der in der Heimat erworbene Berufsabschluss muss meist erst anerkannt werden. Eine Beratungsstelle in der Arbeitnehmerkammer hilft dabei – kostenlos.


Lynda Kiefer und Jan Jerzewski, Beratungsstelle für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse


Die Lage war verzwickt: Ein junger Syrer ist ausgebildeter Physiotherapeut. Als solcher wollte er auch in Deutschland arbeiten. Doch so einfach war das nicht. Ihm fehlten wichtige Unterlagen über seine Ausbildung. Auf seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg brachte er nach Deutschland nur sein Diplom-Zeugnis mit – nicht aber die Fächer- und Notenübersicht. ›Somit konnte man nicht erkennen, was er gelernt hat‹, sagt Jan Jerzewski von der Beratungsstelle für die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse. Solch eine Auflistung ist aber notwendig, um den in der Heimat erworbenen Abschluss mit dem Ausbildungsstandard in Deutschland vergleichen zu können. Nur wenn das  möglich ist, kann auch die Qualifikation bestätigt werden.

Der Syrer wandte sich an Jerzewski und seine Kollegin Lynda Kiefer von der Beratung zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, die zum bundesweiten Netzwerk ›Integration durch Qualifizierung (IQ)‹ gehört. Der Beratungsanspruch ist im Land Bremen gesetzlich festgeschrieben, wird vom Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen umgesetzt und durch das Förderprogramm IQ finanziert. Seinen Sitz hat das Unterstützungsangebot seit August in der Arbeitnehmerkammer Bremen sowie im
Arbeitsförderungs-Zentrum in Bremerhaven.

›Wenn gewünscht, begleiten wir diejenigen, die zu uns kommen, durch das komplette Antragsverfahren‹, sagt Jerzewski. Das dauert in der Regel mehrere Monate. Zusammen mit seiner Kollegin Lynda Kiefer sieht er sich als Lotse für Neu-Bürgerinnen und Neu-Bürger auf ihrem mitunter nicht ganz einfachen Weg, der erlernten Profession nachgehen zu dürfen. ›Unsere Beratung ist kostenlos, unabhängig und vertraulich.‹

Nicht jeder Beruf muss in Deutschland anerkannt werden, damit er ausgeübt werden kann. ›Als Bankkaufmann aus Polen kann ich in Deutschland in einer Bank arbeiten‹, erklärt Jerzewski, der so wie seine Kollegin auch auf Englisch berät. Andere Berufe dagegen sind reglementiert und bedürfen einer Anerkennung, um darin in Deutschland arbeiten zu dürfen. Dazu gehören pädagogische und medizinische Berufe wie Lehrer und Erzieher sowie Krankenpfleger und Physiotherapeut.

Nebeneffekt: Stärkung des Selbstwertgefühls
Es kann aber auch sinnvoll sein, einen nicht reglementierten Beruf anerkennen zu lassen. ›Wenn man sein ausländisches Zeugnis nur übersetzen lässt, gibt das manchmal wenig Aufschluss über die Art der Ausbildung‹, weiß Jerzewski. ›Dann könnte es Zweifel an der Qualifikation geben.‹ Von Vorteil kann eine solche Bestätigung zudem für die tarifliche Eingruppierung sein. Aber auch für das Selbstwertgefühl kann sie gut sein. ›Das war zwar nicht der Zweck des Gesetzes‹, sagt Jerzewski. ›Das ist aber ein netter Effekt und ist uns in der Beratung auch sehr wichtig.‹

Doch was passiert, wenn die berufliche Befähigung für die Anerkennung nicht ausreicht? ›Dann kümmern wir uns um Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen, damit die Betroffenen die fehlenden Kenntnisse nachholen können.‹ In Osteuropa etwa gibt es den Beruf des Feldschers, der eine Art Assistenzarzt ist ohne Medizin-Studium. ›Diesen Beruf gibt es bei uns nicht‹, sagt Jerzewski. ›Durch Qualifizierungsmaßnahmen kann sich der Betroffene aber zum Pfleger weiterbilden lassen.‹

Auch im Fall des Physiotherapeuten fand sich eine Lösung: Der Mann soll eine Prüfung über seine Kenntnisse ablegen. Zur Vorbereitung darf er unentgeltlich eine Zeit lang eine Physiotherapieschule besuchen. Für seine Berufsanerkennung benötigt er zudem ein Sprachzertifikat. Weil zurzeit in der Region die angebotenen Kurse die Nachfrage nicht abdecken, besorgte sich der hoch motivierte Syrer eine Sprachprüfung in Bonn. ›Über Spenden konnten die Prüfungs- und Fahrtkosten finanziert  werden‹, freut sich Jerzewski. Der Syrer wird nun bald als Physiotherapeut arbeiten dürfen.


Weitere Informationen:
 

Beratung zur Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen
Telefon 0421·36301-954
E-Mail: anerkennung@arbeit.bremen.de