Sie befinden sich auf dem Internetangebot der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Arbeitnehmerkammer auf Twitter


Vom Umgang mit Berufskrankheiten


6. Januar 2015
Fragen Interview: Barbara Reuhl (Referentin für Arbeitsschutz- und Gesundheitspolitik)

Das Land Bremen hat in den vergangenen Jahren viel zum Thema Berufskrankheiten getan, zum Beispiel eine Berufskrankheiten-Beratungsstelle eingerichtet. Das hilft vielen Betroffenen bei der Durchsetzung ihrer Ansprüche und wird bundesweit viel beachtet. Durch eine Bundesratsinitiative, an der Bremen maßgeblich beteiligt ist, wird  zukünftig auch leichter nachzuweisen sein, wenn man vom Risiko einer Berufskrankheit betroffen ist. Der Landesgewerbearzt als gesetzliche Instanz bringt seine Fachkunde  unabhängig ein – bei der Bearbeitung der Berufskrankheiten wie auch für gesundheitsgerechte Arbeitsbedingungen. Für die Beschäftigten im Land Bremen und  auch bundesweit ist das unverzichtbar. Wir haben den Bremer Landesgewerbearzt Frank Hittmann nach seinen Aufgaben gefragt.

BAM:
Was macht ein Landesgewerbearzt?

Frank Hittmann: Gewerbeärzte sind für den medizinischen Arbeitsschutz zuständig. Die Berufsgenossenschaften müssen dem Gewerbearzt alle Berufskrankheiten-Meldungen vorlegen. Das kann dieser in zweierlei Hinsicht nutzen. Einerseits kann er vorschlagen, im konkreten Fall nach weiteren Beweisen zu suchen und so vielfach eine besser abgesicherte Entscheidung für die Berufskranken herbeiführen. Andererseits können an vergleichbaren Arbeitsplätzen gesundheitliche Belastungen und Defizite beim Arbeitsschutz aufgedeckt werden. Daraus leiten wir Handlungsempfehlungen für die Prävention im Betrieb und damit verbesserte Arbeitsschutzmaßnahmen ab. Die Erkenntnisse helfen also nicht nur dem einzelnen Erkrankten, sondern auch den vergleichbar gefährdeten Arbeitskollegen. Wichtig für die Betroffenen ist die Qualitätssicherung für die medizinische Beurteilung – wir sehen doch oft Gutachten, die von den gesetzten Standards abweichen. Dann fordern wir die Beachtung der im breiten fachlichen Konsens entwickelten Begutachtungsempfehlungen ein. Dies hilft den Erkrankten, denn selten sehen wir fehlerhafte Beurteilungen zugunsten der Betroffenen.

BAM: Um welche Berufskrankheiten handelt es sich?

Hittmann: Jährlich erstellen meine Kollegin und ich durchschnittlich 400 Gutachten. Oft geht es dabei um Hepatitis- oder Tuberkulose-Infektionen von Beschäftigten im Gesundheitsdienst. Oder um Hautallergien oder -ekzeme von Beschäftigten mit Tätigkeiten, bei denen die Hände ungeschützt mit Wasser oder mit Chemikalien in Kontakt kommen. Muskel- und Skeletterkrankungen, wie zum Beispiel bandscheibenbedingte Erkrankungen der Wirbelsäule, haben ebenfalls einen wesentlichen Anteil.

BAM: Wie arbeiten Sie mit der Gewerbeaufsicht zusammen?

Hittmann: Berufskrankheiten-Anzeigen werden konsequent beobachtet, bearbeitet und ausgewertet, so können wir besonders
hohe Risiken identifizieren. Wir informieren dann die Gewerbeaufsicht oder die Fach-Berufsgenossenschaft, damit sie in den betroffenen Betrieben und Branchen gezielt einen bessern Arbeitsschutz fordert. Die Beteiligung des Gewerbearztes als für den medizinischen Arbeitsschutz zuständige Stelle soll die Beobachtung des  Krankheitsgeschehens und daraus abgeleitet gezielte präventive Aktionen möglich machen. Der Gewerbearzt setzt sich für besseren Schutz der Gesundheit bei der  Arbeit ein und für gerechte Entschädigung, wenn dieser Schutz nicht ausreichend war.
Wir arbeiten aber auch in anderen Fragen mit der Gewerbeaufsicht zusammen. So ist unsere Kompetenz beim Mutterschutz gefragt, um die Risiken für Mutter und Kind  zu bewerten. In jüngerer Zeit geht es allerdings weniger um gefährliche Stoffe, sondern es gibt viel Beratungsbedarf bei Infektionskrankheiten, die das Kind im  Mutterleib gefährden. Und bei der Frage, ob eine schwangere oder stillende Frau für bestimmte Tätigkeiten ein Beschäftigungsverbot erhält.
Die Bewertung eines Schichtplans in einem Betrieb mit Nachtarbeit zählt ebenso zu den gewerbeärztlichen Hilfestellungen für die Gewerbeaufsicht (und für Betriebe) wie  die Antwort auf die Frage, ob intensivere betriebsärztliche Aktivitäten im Betrieb erforderlich sind, um einen guten Arbeitsschutz zu bekommen. Eine noch junge  Vorschrift ist die Verordnung über arbeitsmedizinische Vorsorge. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit für Arbeitgeber zu leisten, denn es geht nicht um Eignungstests!  Sondern mit der arbeitsmedizinischen Vorsorge soll der Arbeitsschutz verbessert werden. Auch dabei sind die Betriebsärzte Multiplikatoren.
Dann gibt es noch viele  kleinere Aufgaben, beispielsweise die Betreuung von Projekten im Zusammenhang mit der Landesinitiative ›Arbeits- und Gesundheitsschutz‹.  Hinzu kommt die Beratung zur Eingliederung von Schwerbehinderten, die Mitwirkung an der Fortentwicklung des Arbeitsschutzrechts, der arbeitsmedizinischen Vorsorge  und der Vorschriften über Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Betriebsärzte.

Frank Hittmann ist Arzt für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin und seit 1987 Landesgewerbearzt in Bremen. Er geht demnächst in den Ruhestand.




Das Carpaltunnel-Syndrom kann zum Beispiel bei Arbeiten mit handgeführten Kettensägen auftreten.

Vier neue Berufskrankheiten anerkannt

Ab 2015 finden sich vier neue Erkrankungen in der Berufskrankheiten-Liste:
  • Weißer Hautkrebs oder dessen Vorstufen durch langjährige Sonneneinstrahlung – ein Risiko für ›Outdoor-Beschäftigte‹, beispielsweise am Bau.
  • Carpaltunnel-Syndrom durch bestimmte manuelle Tätigkeiten, unter anderem als Steinsetzer, bei Arbeiten mit handgeführten Kettensägen, in der Fleischverpackung, bei der Fließbandarbeit in der Automobilindustrie, beim Kassieren im Supermarkt mit Umsetzen von Lasten – jedoch nicht bei der Arbeit an der PC-Tastatur.
  • Hypothenar-Hammer-Syndrom und Thenar-Hammer-Syndrom: Eine Gefäßschädigung der Hand durch stoßartige Krafteinwirkung, wenn die seitliche Handfläche oder der Daumenballen als Hammer genutzt werden (zum Beispiel, wenn bei der Fließbandarbeit Teile festgedrückt werden müssen).
  • Kehlkopfkrebs durch Schwefelsäuredämpfe: Erkrankungsrisiken gibt es beispielsweise bei der Metalloberflächenbehandlung mit Säuren.
Wer von einer dieser Erkrankungen betroffen ist, hat Anspruch auf Heilbehandlung aus der gesetzlichen Unfallversicherung. Wer deshalb arbeitsunfähig oder dauerhaft erwerbsgemindert ist, hat auch Anspruch auf Geldleistungen. Betroffene sollten sich jetzt bei ihrem zuständigen Unfallversicherungsträger melden, um die berufliche Verursachung abzuklären. Dabei können sie sich auch von der Bremer Beratungsstelle zu Berufskrankheiten unterstützen lassen, die vom Land Bremen finanziert wird und bei der Arbeitnehmerkammer Bremen angesiedelt ist.

Kontakt: Telefon 0421· 66950-36 oder unter
www.arbeitnehmerkammer.de/bk-beratung



Ein Fall aus der Berufskranheitenberatung: Carpaltunnel-Syndrom

von Niklas Wellmann (Beratungsstelle zu Berufskrankheiten)

Ingeborg Tilmann* aus Bremen arbeitet in einer Seilerei. Dort ist sie zuständig für die Bedienung und Bestückung der Maschinen. Sie hievt schwere Garnrollen auf die Maschinen, schneidet Fäden ab und arretiert die Garnrollen. Während einer Schicht bewegt sie so mehrere Tonnen Garn aus Gitterboxen auf die Maschinen und schneidet Hunderte von Fäden ab. Frauen, sagt sie, werden aufgrund der hohen Belastung für ihre Tätigkeit nicht mehr eingestellt. Sie sei die Letzte in ihrer Abteilung.

Seit mehreren Jahren leidet Ingeborg Tilmann am Carpaltunnel-Syndrom, welches ab 2015 in die Liste der anerkannten Berufskrankheiten aufgenommen wird. Für ihr  Leiden macht sie ihre Tätigkeit verantwortlich. Deswegen gab sie zusammen mit ihrem behandelnden Arzt der zuständigen Berufsgenossenschaft den Hinweis auf eine  eventuelle Berufskrankheit. Die Berufsgenossenschaft lehnte jedoch ihren Antrag ab: Ihre Tätigkeit sei nicht gefährdend im Sinne der Berufskrankheit. Mit Hilfe der  Berufskrankheiten-Beratung legt sie nun begründeten Widerspruch ein. Die Sicht der Berufsgenossenschaft kann sie nicht nachvollziehen und hofft, dass durch die mit  dem Widerspruch vorgetragenen weiteren Erkenntnisse zu ihren Gunsten entschieden werden kann.
*Name von der Redaktion geändert