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Studie zu den Einstellungen Auszubildender


AuszubildendeAls Julia Kapp* in die Beratung von ›Bleib dran‹ kam, schien die Sache aussichtslos: Die angehende Friseurin hatte einen schwärenden Konflikt mit ihrem Chef. Der wollte sie nicht zur Aufnahmeprüfung für einen höheren Schulabschluss gehen lassen und verweigerte den Urlaubstag. Seitdem hing der ›Betriebssegen‹ schief und Julia spielte ernsthaft mit dem Gedanken, die Ausbildung abzubrechen. ›Wir haben als Erstes mal versucht zu klären, wo eigentlich genau der Konfliktpunkt liegt‹, so die ›Bleib dran‹-Beraterin Elisabeth Mahlberg-Wilson.

›Und es ging also in der Tat um diesen einen Vorfall, bei dem sich die Auszubildende ungerecht und falsch behandelt fühlte.‹ Die Beraterin hat dann versucht, die Seiten an der Ausbildung herauszuarbeiten, die gut sind und Spaß machen. Und siehe da: ›Julia war eigentlich sehr zufrieden dort. Sie mochte ihre Kollegen, fand die Kundschaft angenehm und den Friseursalon selbst eigentlich auch.‹ Nachdem die beiden dies herausgefunden hatten, riet die Beraterin zu einem offenen und gut vorbereiteten Gespräch mit dem Chef. Das hat Julia - nach anfänglich größten Bedenken - dann auch getan. Sie teilte dem Ladeninhaber mit, dass sie eigentlich sehr gerne dort arbeite, sie sich aber bei dem entsprechenden Vorfall sehr ungerecht behandelt fühlte. Der Arbeitgeber war einerseits erfreut, dass die junge Frau gerne bei ihm im Betrieb arbeitete und Spaß an ihrer Ausbildung hatte und konnte anderseits ihren Frust nachvollziehen, der sich aus dem verweigerten Urlaubstag ergeben hatte. Die Situation konnte so rundum geklärt werden und Julia hat ihre Ausbildung ohne Abbruch oder Wechsel beendet.

So glatt läuft es leider nicht immer. Jede/r vierte Auszubildende in Bremen bricht die Berufsausbildung ab. In Zeiten äußerst knapper Ausbildungsplätze klingt dies paradox. Wobei die Gründe vielzählig und vielschichtig sind - und nicht jeder ›Abbrecher‹ tatsächlich am Ende ohne Ausbildung dasteht. Auch diejenigen, die zum Beispiel von einer Lehrstelle in eine andere wechseln, werden in der Statistik als Abbrecher mitgezählt. Das Bremer Projekt ›Ausbildung - Bleib dran‹ hat sich der Problematik von vorzeitig gelösten Ausbildungsverträgen angenommen und sich zur Aufgabe gemacht, dass möglichst viele Berufsausbildungen im Land Bremen erfolgreich abgeschlossen werden.


Ausschuss ›Ausbildungsabbrecher‹ gegründet
Neben der direkten Beratung in den Berufsschulen haben die Mitarbeiter/innen von ›Bleib dran‹ auch einen Ausschuss ›Ausbildungsabbrecher/innen‹ gegründet, in dem sich regelmäßig Vertreter/innen aus Betrieben, Berufsschulen, Kammern, Innungen, Behörden, dem Arbeitsamt, Trägern der Jugendberufshilfe, Gewerkschaften und der Universität treffen. Bei diesen Zusammenkünften werden Erfahrungen und Kenntnisse ausgetauscht und  praktische Vorschläge entwickelt. In der praktischen Arbeit beraten und vermitteln die Mitarbeiter/innen Anne Grotrian, Elisabeth Mahlberg-Wilson und Arno Schirmacher bei Ausbildungskonflikten.

So melden sich zum Beispiel Auszubildende, die aus unterschiedlichen Gründen bereits eine Abmahnung, manchmal sogar eine Kündigung erhalten haben oder Auszubildende, die den Betrieb beziehungsweise den Ausbildungsberuf wechseln möchten. ›Wir haben unsere Sprechzeiten in Berufsschulen und können dort direkt angesprochen werden‹, so Anne Grotrian.

›Pro Jahr haben wir ungefähr 200 intensive Beratungsfälle, also Konflikte, bei denen es nicht mit einem Gespräch getan ist.‹ Je nach Wunsch der Konfliktbeteiligten kann die Mediation auch im Betrieb durchgeführt werden. Außerdem führen die Drei Unterrichtseinheiten zur Konfliktbearbeitung und Fortbildungen für Lehrer/innen sowie Ausbilder/innen durch.

Konflikte sind ›normal‹ - oft kann geholfen werden
Im Laufe einer Berufsausbildung kommt es immer wieder zu Konflikten - und nicht immer liegt es an den Auszubildenden, wenn Ausbildungskonflikte entstehen. Oftmals sind es fehlende Strukturen und mangelnde Transparenz in der Zusammenarbeit zwischen Ausbildenden und Auszubildenden. ›Wir hatten zum Beispiel einen Fall, da hat ein Tischler-Azubi sich bitter bei uns beschwert, sein Ausbilder würde ihm die Sachen nicht richtig erklären‹, so Beraterin Grotrian. ›Wir haben dann ein Gespräch mit Ausbilder und Auszubildendem gemeinsam geführt - und es stellte sich heraus, dass der Ausbilder von sich die Meinung hatte, er würde sehr wohl und sehr genau erklären, was zu tun sei. Das Problem war im Grunde, dass bislang nicht wirklich ein Einvernehmen darüber hergestellt wurde, was ›erklären‹ eigentlich heißt. Der Azubi wollte alles an der Maschine erklärt bekommen, der Ausbilder war der Meinung, eine kurze Skizze genüge.

Am Ende haben die beiden einen K ompromiss gefunden, mit dem beide leben können.‹ Oft sei das Problem die fehlende soziale Anerkennung, und zwar sowohl auf Seiten des Auszubildenden als auch bei den Ausbildern. ›Werden Leistungen nicht anerkannt, so wird dies als eine Entwertung durch den oder die anderen erlebt, was bestehende Konflikte oftmals verstärkt‹, erklärt Elisabeth Mahlberg-Wilson. Neben solchen ›weichen‹ Konflikten gibt es aber auch ganz handfeste Ursachen für Abbrüche oder auch Kündigungen, so etwa die vielfach unpünktliche Bezahlung des Lohns und Gehalts an Auszubildende sowie die Anzahl der zu leistenden Überstunden. Andererseits sind es auch schwache Schulleistungen, die den erfolgreichen Abschluss der Ausbildung gefährden sowie Unzuverlässigkeiten der Auszubildenden.

*Name von der Redaktion geändert

(BAM 2006)


Weitere Informationen:
 

www.bleibdran.uni-bremen.de