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Eine Chance für alle

18. Februar 2016
von Meike Lorenzen (Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Immer mehr junge Geflüchtete suchen einen Ausbildungsplatz in Bremen. Sie treffen auf einen sowieso schon überlaufenen Markt. Warum diese Situation auch viele neue Möglichkeiten für die Hansestadt eröffnet.

Freitagmorgen, 8 Uhr, Allgemeine Berufsschule Bremen (ABS): Ibrahim reißt die Arme auseinander. ›Mecklenburg-Vorpommern! Das ist so ein langes Wort!‹, sagt er und schüttelt den Kopf. Zustimmendes Nicken der anderen Schüler. ›Wie heißt die Hauptstadt von Nordrhein-Westfalen?‹, fragt Clinton von der anderen Seite des Zimmers. ›Düsseldorf‹, sagt Ibrahim. Das weiß er. Sie sitzen in einem Klassenraum im zweiten Stock. Insgesamt sind sie 15 junge Männer im Alter zwischen 16 und 18 Jahren. Sie kommen unter anderem aus Ghana, Afghanistan, Senegal und dem Iran.

Die Schüler sind an diesem Morgen ein wenig nervös. In wenigen Stunden schreiben sie einen Politik-Test, kurz vorher fragen sie sich noch einmal ab. Eigentlich haben die Schüler der Sprachklasse jetzt das Fach Mechaniktechnik. ›Das ist doch ganz einfach‹, fängt Lehrer Ümit Zerdali die Sorgen auf. ›Ihr müsst nur 16Wörter lernen, für die Bundesländer – und 13 für die Hauptstädte. Das schafft ihr locker.‹ Dann schaut er auf die Uhr. ›Es ist zehn nach acht. Jetzt legen wir los!‹

Die nächsten 90 Minuten geht es Schlag auf Schlag – mit Fachwissen und Spracherwerb. Heute ist das Thema ›Meißeln‹ dran. Die Schüler lernen, dass der ›Meißel‹ ein ›Trennwerkzeug‹ ist, das eine ›keilförmige Schneide‹ besitzt. Zerdali erklärt ihnen, in welchen Situationen sie einen ›Flachmeißel‹, wann einen ›Aushaumeißel‹ und in welchen Fällen sie einen ›Kreuzmeißel‹ verwenden sollen. ›Der halbrunde Meißel ist der Nutenmeißel‹, sagt Zerdali. ›Mit einem T. Das ist wichtig!‹ Lautes Gelächter. Die meistenhaben den Witz sofort verstanden. Überhaupt: Die Stimmung ist blendend.

Zerdalis Schüler befinden sich mitten in der Bewerbungsphase. Wie Tausende andere Schulabgängerinnen und Schulabgänger suchen sie zum Sommer einen Ausbildungsplatz in Bremen. 5.796 Ausbildungsverträge innerhalb des dualen Systemswurden laut Bundesinstitut für Berufsbildung 2015 in Bremen abgeschlossen. Das sind insgesamt 1,1 Prozent mehr als im Vorjahr– was vor allem dem Handwerk zuzuschreiben ist.

Viele der Schüler der ausschließlich männlichen Sprachklasse können sich vorstellen, einen technischen Beruf zuergreifen. Seit zwei Jahren lernen sie Deutsch mit konkretem Fachbezug. Den Vorkurs – wie ihn derzeit viele neu angekommene Geflüchtete besuchen – haben sie bereits hinter sich.

Zerdali ist zuversichtlich, dass die meisten von ihnen eine Stelle finden werden. ›Aus dem vorangegangenen Jahrgang hat nur ein Schüler seine Ausbildung abgebrochen‹, sagt er. Alle anderen hätten eine Stelle bekommen. Das funktioniere nur durch die enge Betreuung der Schule. Sie stellt Kontakte zu Unternehmen her, macht Praktikumsplätze möglich, hilft bei den Bewerbungsschreiben und unterstützt auch sonst, wo sie nur kann. ›Würden wir das nicht machen, wäre es für viele Schüler vermutlich schwerer‹, sagt Ümit Zerdali.

Der Bedarf an dieser engen Betreuung wird künftig weiter wachsen. Laut Sozialressort sind im vergangenen Jahr 10.274 Zuwanderer in Erstaufnahmesystemen erfasst worden. Dazu kommen die unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Bis Ende Oktober 2015 waren das etwa 2.000 Menschen. Sie bleiben vorläufig auch im Stadtgebiet Bremen wohnen und sind hier entsprechend schulpflichtig. In Bremen besuchen bereits etwa 1.300 geflüchtete Kinder die Schule. Wie Ibrahim, Clinton und die anderen Schülerinnen und Schüler der ABS werden viele von ihnen früher oder später einen Ausbildungsplatz anstreben.

Wie gut lassen sich geflüchtete Jugendliche in den Ausbildungsmarkt integrieren?

›Es hat sich gezeigt, dass die Integration in den Arbeitsmarkt nicht so einfach funktioniert, wie es sich viele Vertreter der Wirtschaftvorgestellt haben‹, sagt René Böhme, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Arbeit und Wirtschaft der Universität Bremen. Er forscht aktuell zum Thema ›Geflüchtete und Ausbildung‹ und kommt zu einem wesentlichen Ergebnis: Ohne eine individuelleBetreuung – wie sie an der ABS gelebt wird – geht es nicht. ›Es ist wichtig, die Interessen und das Können des möglichen Azubis mit den Anforderungen der Ausbildung zusammenzubringen und nicht willkürlich auf Vorbereitungskurse an berufsbildenden Schulen zu verteilen‹, sagt der Wissenschaftler. Ansonsten sei die Ausbildung oft von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Vor allem rechtliche Hürden machen es den Geflüchteten schwer, sich auf dem Ausbildungsmarkt überhaupt zu behaupten. ›Ausbildungsbegleitende Hilfen wie zum Beispiel Nachhilfe oder finanzielle Unterstützung bleiben vielen Geflüchteten bisher verwehrt‹, sagt Böhme. Auch Bürokratie kann zum Problem werden. ›In Bremen ist es schon vorgekommen, dass ein Geflüchteter seinen Ausbildungsplatz nicht antreten konnte, weil er keine Erlaubnis bekam, einen Führerschein zu machen‹, erzählt Böhme von seinen Forschungsgesprächen. Nach deutschem Führerscheingesetz dürfen Menschen nur dann das Autofahren lernen, wenn sie sich ausweisen können. Wer auf der Flucht seine Papiere verloren hat oder erst gar keine hatte, hat damit ein großes Problem.

Außerdem müssen die Schülerinnen und Schüler noch im schulpflichtigen Alter sein, um die wichtigen Vorkurse machen zu können. Hier sei die strikte Altersgrenze ein Problem. Denn ehe die jungen Geflüchteten überhaupt gut genug deutsch sprechen und schreiben können, um eine Ausbildung schaffen zu können, sind sie oft älter als 18 Jahre und fallen damit aus der Schulpflicht. Nach der Volljährigkeit werde es jedoch deutlich schwieriger, einen Sprachkursplatz zu finden.

›Bayern ist diesbezüglich Vorreiter und bietet zweijährige Beschulungsangebote für junge Geflüchtete zwischen 16 und 25 Jahren an‹, sagt Böhme.

Schließlich seien die einjährigen Vorkurse in Bremen nicht ausreichend, um ein Sprachniveau zu erreichen, das eine Ausbildung im dualen System in Deutschland verlangt. ›Das ist inzwischen auch auf politischer Ebene angekommen – zumindest wird in Bremen über die Finanzierung zweijähriger Sprachkurse diskutiert‹, so Böhme. Des Weiteren brauche es auch während der Ausbildung berufsbegleitende Fachsprachenangebote für Geflüchtete.

Doch mit den Sprachkenntnissen alleine sei es nicht getan. Mittlerweile habe sich gezeigt, dass das allgemeine Bildungsniveau vieler Geflüchteter längst nicht so hoch ist, wie es viele gehofft hatten. ›Nicht selten muss in Mathematik und anderen Fächern nachgeschult werden‹, sagt Böhme. Umso wichtiger sei eine ehrliche Bestandsaufnahme über das Wissen der Einzelnen, sobald sie nach Deutschland kommen. ›Nur so können wir richtig fördern und integrieren‹, glaubt er.

Eine Chance für alle Bremer Jugendlichen

Förderung der Sprache, Nachholen von Allgemeinbildung, Unterstützung beim Kontakt zu Unternehmen oder bei Bewerbungen und Hilfestellungen beim Ankommen in der Ausbildung oder auch bei später aufkommenden Schwierigkeiten – vieles von dem, was René Böhme für junge Geflüchtete herausgefunden hat, gilt auch für die Jugendlichen, die in Bremen geboren sind oder schon lange hier leben und sich auf dem Ausbildungsmarkt schwertun, ist Regine Geraedts von der Arbeitnehmerkammer überzeugt. ›Im Ausbildungsbereich stehen wir beständig und immer wieder aufs Neue vor der Herausforderung, dass Betriebe und Jugendliche gut zueinander finden, beieinander bleiben und miteinander erfolgreich sind. Darauf ist aber unser gesamtes Berufsbildungssystem bisher nicht gut genug ausgerichtet‹, sagt die Arbeitsmarktexpertin. Hier weiterzukommen sei dringend nötig. Allein 2015 haben im Land Bremen laut Agentur für Arbeit insgesamt 870 Menschen keinen Ausbildungsplatz bekommen. Und damit sind nur jene erfasst, die sich über die Berufsberatung um einen Ausbildungsplatz bemüht haben und dort registriert sind. ›Deutlich angestiegen ist die Zahl derer, die sich an die Berufsberatung gewendet haben, um sich bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsbetrieb unterstützen zu lassen, über deren Verbleib aber nichts bekannt ist‹, sagt Geraedts. Auf 1.656 Menschen belief sich dieZahl 2015 – ein Plus von 15,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Insgesamt beginnen für jeden Zehnten die ersten Schritte in die Arbeitswelt mit Arbeitslosigkeit (9,5 Prozent). Auf der anderen Seite blieben auch 400 Ausbildungsplätze unbesetzt, doppelt so viele wie im Vorjahr.

›Diese Negativentwicklungen sind besorgniserregend. Erst recht, wenn man bedenkt, dass 2015 die Jugendberufsagentur ihre Arbeit aufgenommen hat, die ja gerade beim Zusammenbringen von Betrieben und Jugendlicheneine Trendwende bringen sollte‹, sagt Regine Geraedts.

Ein weiteres Problem: Der Ausbildungsmarkt im Bundesland Bremen bietet nicht genügend Ausbildungsmöglichkeiten für alle Jugendlichen. Schließlich versorgen Bremen und Bremerhaven als städtische Oberzentren auch Jugendliche aus dem Umland.

Viele Betriebe haben sich aus ihm zurückgezogen. Nicht einmal jeder vierte Betrieb im Land Bremen bildet aus. ›Aber auch deröffentliche Arbeitgeber engagiert sich zuwenig, wo er originär die Verantwortung für die Ausbildung trägt‹, kritisiert Geraedts. ›So sind an Fachschulen, die beispielsweise für Mangelberufe wie Pflege und Erziehung ausbilden, gerade mal 15 Plätze mehr eingerichtet worden als im Vorjahr.‹

Dennoch sieht die Arbeitsmarktexpertin in der momentanen Situation eine Chance. ›Vor dem Hintergrund der vielen jungen Menschen, die nun nach Bremen kommen, müssen wir das Ausbildungssystem auf neue Füße stellen‹, glaubt sie. ›Davon würden am Ende alle profitieren, die derzeit noch Schwierigkeiten haben, beruflich durchzustarten.‹ Die Voraussetzungen seien günstig wie nie. Schließlich habe die Politik das Thema als ein wichtiges erkannt und erste Schritte eingeleitet: Das Programm Ausbildungsgarantie laufe langsam an und mit der Jugendberufsagentur soll die Zusammenarbeit aller eingebundenen Institutionen künftig enger werden.


Zahlen, Daten, Fakten:
 

Das Ausbildungsjahr 2015 im Land Bremen

5.796
neue Ausbildungsverträge wurden im dualen Systemabgeschlossen.

Das sind 63 Plätze mehr als im Vorjahr. 69 Plätze weniger hat der Bereich Industrie und Handel zur Verfügung gestellt. 63 Plätze mehr stellte das Handwerk.

Im Bereich der schulischen Ausbildung (u.a. Pflege, Erziehung) wurden 1.104 Ausbildungsverträge geschlossen.

Das entspricht einem leichten Plus von 15 Plätzen. Insgesamt bleibt die Zahl damit hinter dem politischen Zielzurück, bis 2017 7.800 Ausbildungsplätze pro Jahr zu besetzen.