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Beratungsstelle für Auszubildende

14. August 2014
von Janet Binder

Eine Ausbildung verläuft nicht immer reibungslos. Damit Jugendliche bei Schwierigkeiten nicht gleich ihre Lehre abbrechen, bietet die Beratungsstelle ›Ausbildung – Bleib dran‹ Hilfe an.



Linda-Sophia Jovanovich* möchte Bäckerin und Konditorin werden; sie ist im zweiten Ausbildungsjahr. Der Beruf macht ihr großen Spaß. Doch es gab ein Problem: Sie mied die Berufsschule. Morgens stand sie vor dem Schulgebäude und konnte einfach nicht reingehen. Sie hatte Angst. In 14 Tagen Blockunterricht hatte sie es kein einziges Mal geschafft, ihre Angst zu überwinden. So ging das eine Zeitlang.

Ein Lehrer informierte ihren Ausbilder, den Bäcker- und Konditormeister Peer Ruchel, über die Fehlzeiten. ›Ich habe sie darauf angesprochen, aber sie kam erst nicht so richtig damit raus, was los ist‹, erzählt Ruchel. Ihm war klar: Ohne Berufsschule würde es für seine Auszubildende keinen Abschluss geben. Linda-Sophia Jovanovich räumte schließlich ihre Angst ein. Den genauen Grund dafür nannte sie nicht. ›Irgendwas muss in ihrer Schulzeit vorgefallen sein‹, sagt Ruchel. Im Betrieb ist die Auszubildende stets zuverlässig, obwohl für sie als junge Mutter die Arbeitszeiten von 2.00 bis 10.00 Uhr herausfordernd sind.

Bäckermeister Ruchel engagiert sich sehr in der Ausbildung gerade auch benachteiligter junger Menschen. ›Es gibt Betriebe, die sagen einem Auszubildenden nach drei Monaten Auf Wiedersehen, wenn es Probleme gibt‹, sagt Ruchel. ›Ich denke, alle Menschen sind anders und haben ihre Probleme. Ich gebe ihnen mehrere Chancen.‹ Er hatte selbst seine Schwierigkeiten in der Schulzeit. Die Erfahrung habe ihm gezeigt, dass sich seine Bemühungen um die Auszubildenden in den meisten Fällen lohnen.

Als Ruchel bei seiner Auszubildenden nicht weiterkam, wendete er sich an ›Ausbildung – Bleib dran‹ – eine Vermittlungs- und Beratungsstelle bei Ausbildungskonflikten am Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen. ›Das war ungewöhnlich‹, sagt Berater und Sozialpädagoge Ulf Kuhlemann. ›Normalerweise kommen eher die Auszubildenden als die Betriebe zu uns.‹ Denn ›Ausbildung – Bleib dran‹ ist in allen Bremer Berufsschulen präsent. Kuhlemann hat in jeder ein kleines Büro, in dem er einmal pro Woche Sprechstunde hat. ›Das ist ein sehr niedrigschwelliges Angebot‹, sagt Projektleiter Frank Meng. In Bremerhaven sitzt Kuhlemanns Kollegin Birgit Allen.

Die Gründe für Probleme in der Ausbildung sind vielfältig. Da entspricht die Tätigkeit nicht den Vorstellungen oder dem Ausbildungsplan, da gibt es zwischenmenschliche Konflikte im Betrieb oder in der Schule läuft nicht alles nach Plan. Manche fühlen sich über- oder unterfordert oder bekommen keine Vergütung. Es können private, finanzielle oder familiäre Probleme hinzukommen. ›In der Beratung werden gemeinsam mit den Ratsuchenden Konflikte geklärt und Lösungen erarbeitet‹, sagt Kuhlemann. Er kann dabei auf ein breites Netzwerk an Kooperationspartnern zurückgreifen. Die Beratung ist kostenlos.

›In gut jedem vierten Fall binden wir auch den Betrieb mit ein‹, sagt Frank Meng. Das geschehe aber nie ohne die Einwilligung der Auszubildenden. Wenn es erforderlich ist, werden Vermittlungsgespräche zwischen Ausbildendem und Auszubildendem angeboten. ›Die sind meistens erfolgreich‹, so Kuhlemann. Der überwiegende Teil der Auszubildenden setzt seine Ausbildung fort, wenn auch manchmal in einem anderen Betrieb. ›Wichtig für Auszubildende ist es, eine Vertrauensperson im Betrieb zu haben, an die sie sich in fachlichen und sozialen Fragen jederzeit wenden können‹, betont Kuhlemann.

Im Fall von Linda-Sophia Jovanovich überlegten Kuhlemann und Ruchel, wie die Auszubildende ihre Angst überwinden könnte. Die Lösung des Problems war dann relativ einfach: Eine Mitschülerin, die in einem anderen Betrieb eine Ausbildung zur Speiseeisherstellerin macht, geht nun morgens zusammen mit Linda-Sophia in die Schule, sitzt neben ihr im Unterricht und unterstützt sie, wo sie kann. Den versäumten Stoff stellte ein Lehrer zusammen. ›Sie fehlt jetzt immer noch ab und zu in der Schule‹, sagt Ruchel. Die meiste Zeit aber ist sie da und schreibt Einsen und Zweien. ›Sie kriegt das hin‹, freut sich ihr Chef. Nun überlegt er, seine Auszubildende zu übernehmen, wenn sie fertig ist.

*Name von der Redaktion geändert